Bei den Finals in Hannover geht es für die deutschen Turnerinnen um weit mehr als Gold, Silber und Bronze. Die Deutschen Meisterschaften bilden die erste wichtige Qualifikation für die Europameisterschaften im August in Zagreb und damit den Auftakt entscheidender Wochen für das deutsche Frauen-Turnen. Cheftrainer Gerben Wiersma erhofft sich in der ZAGarena ein möglichst präzises Bild des turnerischen Fortschritts der vergangenen Monate. Entsprechend hoch sind die Erwartungen des Niederländers an den Wettkampf.
Alle Kaderathletinnen werden antreten
, sagt der Niederländer und was für ihn noch viel wichtiger ist: Ich erwarte, dass alle Turnerinnen auf einem hohen Niveau antreten werden
, erklärt er. Denn bereits eine Woche später folgt in Frankfurt die zweite und entscheidende EM-Qualifikation. Anschließend beginnt unmittelbar die unmittelbare Vorbereitung auf die kontinentalen Titelkämpfe.
Besonders gespannt ist der Bundestrainer auf jene Athletinnen, die sich Hoffnungen auf einen Platz im deutschen EM-Team machen dürfen. Maximal zehn Turnerinnen werden nach Hannover vom DTB zur zweiten Qualifikation in Frankfurt eingeladen. Entsprechend groß dürfte der Konkurrenzkampf um die verbleibenden Plätze sein.
Artistry
als ein Schlüssel für die Zukunft
Im Mittelpunkt von Wiersmas Analyse steht in Hannover jedoch nicht allein die Schwierigkeit der Übungen. Besonders aufmerksam wird er verfolgen, wie gut die Turnerinnen die veränderten Anforderungen des aktuellen Code de Pointage umsetzen.
Neben hohen D-Werten gewinnen Ausdruck, Bewegungsqualität, Rhythmus, Dynamik und die Gesamtwirkung einer Übung zunehmend an Bedeutung. Die sogenannte Artistry
ist für Wiersma einer der wichtigsten Entwicklungsschwerpunkte des deutschen Frauen-Turnens geworden. Gemeinsam mit seinem Trainerteam wurden in den vergangenen Monaten Workshops durchgeführt und die Qualifikationskriterien entsprechend angepasst. Das ist ein Bereich, in dem Deutschland sich verbessern muss
, sagt Wiersma. Hannover soll nun zeigen, ob die Arbeit der vergangenen Monate bereits sichtbar wird. Für den Bundestrainer gehört die Artistry zu den wichtigsten Erkenntnissen, die er aus den Deutschen Meisterschaften mitnehmen möchte.
Dabei formuliert er seine Erwartungen deutlich: Es macht wenig Sinn, täglich für ein Zehntel mehr Schwierigkeit zu arbeiten, wenn man gleichzeitig mehrere Zehntel durch mangelnde Artistik verliert.
Die Aussage verdeutlicht den Kurs, den das deutsche Frauen-Turnen in diesem Olympiazyklus eingeschlagen hat. Schwierigkeit allein reicht nicht mehr aus, um international konkurrenzfähig zu sein. Gefragt ist die Fähigkeit, technische Höchstleistungen mit einer überzeugenden Präsentation zu verbinden.
Helen Kevric kehrt auf die große Bühne zurück
Im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht zugleich Helen Kevric vom MTV Stuttgart. Die Stuttgarterin kehrt nach ihrer schweren Verletzung bei den Europameisterschaften des vergangenen Jahres schrittweise auf die Wettkampfbühne zurück. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg
, hat sich die 18-Jährige als Leitmotto gesetzt. Für Wiersma geht es dabei aber zunächst weniger um Medaillen oder Höchstschwierigkeiten als um das Gefühl auf der Wettkampffläche. Das Wichtigste ist, dass sie sich auf der Wettkampffläche wieder wohlfühlt
, sagt der Bundestrainer. Nach einer langen Rehabilitationsphase sei das Vertrauen in den eigenen Körper der entscheidende Schritt. Wenn sie schrittweise an ihr früheres Niveau herankommt, wäre das bereits ein großer Erfolg.
Neben Kevric gehören auch Karina Schönmaier (TuS Chemnitz-Altendorf) und Pauline Schäfer-Betz (KTV Chemnitz) zu den erfahrenen Athletinnen, auf die Wiersma in diesem Sommer gespannt ist. Sie sollen den jungen Turnerinnen Orientierung geben und gleichzeitig selbst wichtige Rollen auf dem Weg nach Zagreb übernehmen.
Die nächste Generation drängt nach vorn
Der Generationswechsel im deutschen Frauen-Turnen schreitet weiter voran. Namen wie Elisabeth Seitz, Emma Malewski oder Sarah Voss, die lange Jahre die Nationalmannschaft prägten, sind Geschichte. Dafür rücken neue Athletinnen zunehmend ins Rampenlicht. Zu den Turnerinnen, die Wiersma besonders aufmerksam beobachten wird, gehört Silja Stöhr von der TG Mannheim. Die 18-Jährige überzeugte zuletzt bei internen Leistungsüberprüfungen mit höheren Schwierigkeiten und vielversprechenden Aufwertungen. Für sie und für das deutsche Turnen wäre es großartig, wenn sie diese Leistungen nun im Wettkampf abrufen kann, sagt der Bundestrainer und verweist darauf, dass jede Trainingsleistung ihren Wert eben erst unter Wettkampfbedingungen beweisen müsse.
Wichtige Antworten vor den Europameisterschaften
Langfristig verfolgt Wiersma ehrgeizige Ziele. Deutschland soll wieder dauerhaft zu den stärksten Nationen Europas und der Welt gehören. Auf dem Weg dorthin sieht er seine Mannschaft auf einem guten Kurs, auch wenn noch nicht alle Bereiche das gewünschte Niveau erreicht haben. Vor allem am Stufenbarren hat er weiteres Entwicklungspotenzial ausgemacht.
Die Deutschen Meisterschaften in Hannover sollen deshalb mehr liefern als eine nationale Titelentscheidung. Sie sind ein wichtiger Test auf dem Weg nach Zagreb. Für die Athletinnen geht es um EM-Tickets, für den Bundestrainer um Antworten auf zentrale Zukunftsfragen. Vor allem aber bietet Hannover die Gelegenheit zu zeigen, wie weit die Entwicklung des deutschen Frauen-Turnens bereits fortgeschritten ist. Meine Erwartung ist, dass alle bereit sind
, sagt Wiersma.