Sie ist die Gymnastin, wegen der die Fans in die Frankfurter Festhalle kamen, und Darja Varfolomeev hat sie nicht enttäuscht am ersten Tag der Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik. Die Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin schob sich mit Wertungen von 29.250 Punkten für die Übung mit dem Reifen und 29.700 mit dem Ball an die Spitze der Gesamtwertung nach der Hälfte der Qualifikation. Das alles trotz eines Fehlstarts mit dem Reifen, als sie versehentlich loslegte bevor die Musik einsetzte.
“Es war sehr laut, was natürlich sehr toll war wegen der Stimmung, aber ich hatte ein Geräusch gehört, das ähnlich ist wie der Anfangston. Da wusste ich nicht, ob ich anfangen oder von der Fläche gehen soll. Als die Musik nicht weiterging, habe ich gemerkt, dass etwas falsch gelaufen ist”, erklärte Darja Varfolomeev zu dem vermeintlichen Missgeschick: „Natürlich war das sehr herausfordernd, weil ich nicht gewusst habe, was ich machen soll. Aber an sich bin ich zufrieden mit meiner Leistung. Das ist abgehakt und ich freue mich auf den nächsten Tag."
Jeder Fang, jede Technik und jeder Schritt brachte die Festhalle in Frankfurt am Main zum Beben und verhalf der 19-Jährigen zu einer Gesamtpunktzahl von 58.950.
Dicht hinter ihr in der Gesamtwertung der Qualifikation liegt Sofia Raffaeli (Italien), die genau zeigte, warum sie die amtierende Weltmeisterin am Reifen ist, und mit 30.100 die bislang höchste Punktzahl des Tages erzielte.
„Ich bin sehr zufrieden mit meiner Reifen-Übung, aber es ist erst der erste Tag, also muss ich konzentriert bleiben und auf morgen und übermorgen hinarbeiten“, lächelte Raffaeli. „Ich bin glücklich, versuche aber, ganz normal zu bleiben. Ich hätte nicht gedacht, dass am ersten Tag so viele Fans mit italienischen Flaggen da sein würden. Diese Kraft und Energie habe ich für meine Übung genutzt.“
Die Silbermedaillengewinnerin im Mehrkampf aus 2025, Stiliana Nikolova (Bulgarien), trat direkt nach Raffaeli in Gruppe D an und liegt derzeit auf dem dritten Platz in der Gesamtwertung.
„Die Atmosphäre ist fantastisch, die Halle wirkt sehr voll und mit Menschen gefüllt, und ich bin dankbar, dass sie gekommen sind, um uns zu unterstützen“, sagte die Bulgarin, die insgesamt 56.900 Punkte erzielte.
Das Trio der Medaillenfavoritinnen war nicht die einzige Turnerin, die in der berühmten Kuppel von einer Klangwand empfangen wurde. Eine riesige ukrainische Fangruppe feuerte Polina Karika und Taisiia Onofriichuk an, die ebenfalls in derselben Gruppe antraten. Als sie die Wettkampffläche verließen, wurden sie mit einer Flut von Plüschtieren begrüßt.
„Ich freue mich sehr über all die Geschenke der Fans. Es fühlt sich so persönlich an – dass sie mich unterstützen – und dann auch noch mit solchen Maskottchen“, sagte Karika.
„Ich bewahre sie auch zu Hause auf. Ich habe einen besonderen Platz, an dem ich sie aufbewahre. Ich freue mich immer sehr, wenn diese Art der Unterstützung nicht nur aus Applaus oder einer lebhaften Atmosphäre besteht, sondern aus echter Ermutigung. Das ist wirklich schön. Und das sind wirklich coole Geschenke.“
Die allseits geliebte Spanierin Alba Bautista eröffnete den Nachmittagsteil des Turniers.
Auf den international von knapp 3300 Zuschauern besetzten Rängen fand sich vor allem eine starke Fanschar mit spanischen Fahnen, die ihren Star Alba Bautista feierte. „Die Atmosphäre hier in Frankfurt ist unglaublich. Da waren so viele spanische Fans, und den Leuten so nah zu sein beim wichtigsten Moment der Saison, das genieße ich sehr“, schwärmte die erfahrene Gymnastin: „Das spanische Publikum ist für seinen Enthusiasmus bekannt und feuert alle an. Ich bin auf meine Musik fokussiert, aber die Fans geben uns immer einen Extraschub. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Zuvor war ihre Teamkollegin Daniela Pico gefeiert worden, nachdem sie in der zweiten Gruppe den besten Gesamtwert 52.950 erhalten hatte.
Ihr WM-Debüt erlebte auch die 16 Jahre alte Talya Elkhayat aus Syrien, die nach ihren beiden Übungen sagte: „Ich war sehr aufgeregt, als ich auf die Wettkampffläche lief. Aber das Publikum war fantastisch und feuerte mich auch an, als ich einen Fehler machte“. Ilina Sokolovska feierte in Frankfurt nicht nur ihr WM-Debüt, sondern auch ihren 20. Geburtstag. Der Abgang der in Bielefeld geborenen Gymnastin aus Nordmazedonien wurde begleitet mit einem kollektiven „Happy Birthday“-Ständchen von den Rängen.
Unmittelbar vor dem Auftritt der Lokalmatadorinnen in der dritten Gruppe folgte die offizielle Eröffnung der Weltmeisterschaften in der Festhalle. Neben Morinari Watanabe als Präsident des Weltturnverbandes World Gymnastics und Dr. Alfons Hölzl als Präsident des gastgebenden Deutschen Turner-Bundes begrüßte der hessische Ministerpräsident Boris Rhein Teilnehmer und Gäste. „Wenn man hier nur wenige Sekunden zuschaut, das löst schon Gänsehaut aus“, zeigte sich Rhein begeistert von Stimmung und den Leistungen auf dem Parkett und betonte die Wirkung des Sport: „Der Sport bringt die Welt zusammen. Aus einem Wettbewerb entsteht Respekt. Es geht hier um friedliche Begegnung.“