Mit Nerven aus Stahl und Leistungen der Extraklasse hat Darja Varfolomeev das Dutzend voll gemacht. Zum zwölften Mal wurde die Ausnahmekönnerin Weltmeisterin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Was mit einer fehlerhaften Reifen-Übung und ernster Miene begann endete mit einem strahlenden Siegerlächeln und einer tobenden Frankfurter Festhalle nach einem insgesamt hochklassigen Wettkampf. Schon herausragende Auftritte mit Ball und Band krönte die Olympiasiegerin mit den Keulen, die ihr am Vortag noch die Laune verdorben hatten. Mit 119,500 Punkten verteidigte die 19 Jahre alte Darja Varfolomeev schließlich ihren Mehrkampf-Titel vor Stiliana Nikolova (117,600) aus Bulgarien und Sofia Raffaeli (117,550) aus Italien.
„Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ihr mich alle so angefeuert habt und bin glücklich, dass alles so gut gelaufen ist“, sagte Darja Varfolomeev nach der Siegerehrung und zeigte wenig Zweifel, dass dieser Wettkampf so enden würde: „Zwischendurch hab ich mich immer sicher gefühlt, weil ich so tolle Menschen um mich herum habe. Das hat mir einfach die Sicherheit gegeben, dass ich es schaffen kann.“
Darja Varfolomeev brachte schon mit ihrem ersten Einmarsch den ohnehin gewaltigen Jubelpegel in der mit 4.250 Plätzen ausverkauften Festhalle auf einen neuen Höchststand. Es ist ihren Fans ohnehin zweitrangig, was die Olympiasiegerin auf der Wettkampffläche zeigt, allein ihre Präsenz sorgt schon für Ausnahmestimmung. Entsprechend wurden auch die ersten Punkte bejubelt, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt nur die siebtbeste Note mit dem Reifen war. Schon die Gruppe B (Plätze 9 bis 18 nach der Qualifikation) hatte mit hohem Niveau vorgelegt, angeführt von Taisiia Onofriichuk aus der Ukraine mit einer Gesamtpunktzahl von 116,050. Und die Topfavoritinnen legten kräftig nach, so dass Darja Varfolomeev in der Reifenwertung mit 28,300 Punkten nur auf Rang 13 landete.
Doch dann brachte der goldene Ball die Olympiasiegerin der für sie auch in der Medaillensammlung so vertrauten Farbe schon ein Stück näher. Wie schon am Vortag demonstrierte sie ihre Nervenstärke und ließ einer mäßigen ersten eine starke zweite Übung folgen. Als einzige Finalistin knackte sie mit dem Ball sogar die 30-Punkte-Marke (30,050) und holte hier schon mehr als einen Zähler als die Gegnerinnen. Mit den Keulen stießen Stimmungs- und Wertungsskala dann in neue Dimensionen vor. Was am Vortag noch für Frust gesorgt hatte, ließ die Olympiasiegerin erstmals breit lächeln. 31,500 Punkten bedeuteten die bisherige Höchstnote der Weltmeisterschaften und schon einen stabilen Vorsprung von 1,5 Punkten auf die Konkurrenz. Und schon vor ihrer letzten Übung standen die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Rängen und sangen zum Fliegerlied: „Heut‘ ist so ein schöner Tag!“
Es schien schon keine Stimmungssteigerung mehr möglich – Darja Varfolomeev schaffte es trotzdem. Als nach einer wie am Vortag herausragenden Übung mit dem Band 29,650 Punkte auf der Anzeigetafel war der Gold-Coup perfekt – auch wenn alle acht Konkurrentinnen noch einmal auf die Wettkampffläche durften.
Am nächsten kam ihr Stiliana Nikolova, die mit 30,150 Punkten ihren höchsten Wert mit dem Reifen erzielt hatte. Der Kampf um Silber und Bronze wurde durch ganze 0,050 Punkte entschieden. Die Italienerin Sofia Raffaeli sammelte mit dem Reifen zwar noch 0,25 Punkte mehr und lag auch mit den Keulen über 30 Punkten (30,250). Während aber ihre bulgarische Konkurrentin mit Ball und Band jeweils über 29 Punkten lag, stand bei der sechsfachen Weltmeisterin hier jeweils nur eine 28 vor dem Komma.
Darja Varfolomeev hat nun am letzten Tag der Weltmeisterschaften weitere Goldchancen. Mit drei Einzelgeräten hat sie das Finale erreicht. Mit Band und Ball geht sie als Titelverteidigerin ins Rennen, mit beiden Geräten hat sie in diesem Jahr auch schon den EM-Titel geholt. Ihr dritter Einsatz wird mit dem Reifen sein. Wobei sie schon jetzt ihr WM-Konto auf 17 WM-Medaillen aufgestockt hat. Nach zuvor drei WM-Teilnahmen 2022 in Sofia (5 Medaillen/davon 1 Gold), 2023 in Valencia (6/5) und 2025 in Rio de Janeiro (5/5) – und nun also das zwölfte Gold mit gerade mal 19 Jahren.