Die Geste darf als dickes Lob verstanden werden. Morinari Watanabe bittet Dr. Alfons Hölzl, die Goldmedaille an Darja Varfolomeev zu überreichen. Der Präsident des Weltverbandes World Gymnastics überlässt dem Präsidenten des Deutschen Turner-Bundes den Vortritt, obwohl das Protokoll es anders vorgesehen hatte. Der Dank zurück ist ein kräftiger Schulterklopfer, ehe beide Männer gemeinsam lächelnd wieder zur Seite gehen.
Das war wirklich eine schöne Geste
, sagte Alfons Hölzl, der selbst nach fünf WM-Tagen mit großem Sport in einer meist ausverkauften Festhalle resümieren konnte: Ich kann nur ein absolut positives Gesamtfazit ziehen. Wir haben eine ausverkaufte Halle mit einer herausragenden Atmosphäre und sensationelle Wettkämpfe erleben dürfen. Ich habe in viele fröhliche und lachende Gesichter blicken dürfen, die meisten waren sehr jung und haben die Rhythmische Sportgymnastik wie auch die Stars der Sportart sehr gefeiert.
Ihr habt dieses historische Gebäude in eine wahre Oper verwandelt
, sagte Morinari Watanabe in seiner Dankesrede, nachdem Alfons Hölzl die Flagge des Weltverbandes an die Ausrichter der nächsten WM 2027 in Baku/Aserbaidschan übergeben hatte. Der Weltpräsident lobte neben dem Wettkampfort aber vor allem auch den ausrichtenden DTB, die Athletinnen und das Publikum, durch dessen Euphorie und Sachverstand Leistung, Schönheit und Leidenschaft dieser Sportart zusammengefunden hätten.
Bei aller Euphorie um unsere deutschen Athletinnen hat mich auch das fachkundige und faire Publikum gefreut. So wurden die ukrainischen Gymnastinnen sehr herzlich empfangen
, verteilte auch Alfons Hölzl ein dickes Lob an die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer, von denen allein 4.500 am Abschlusstag für eine abermals ausverkaufte Festhalle gesorgt hatten. Dem DTB-Präsidenten war auch ein anderer positiver Aspekt besonders wichtig: Auch die Einzel-Gymnastinnen und Gruppen aus Weißrussland und Russland wurden sehr fair behandelt. Es ist uns gelungen, dieses politische Thema aus der WM herauszuhalten. Der Sport war das Thema und das war gut so.
Wie am letzten WM-Tag, als zwei unter der neutralen Flagge des Weltverbandes startende Athletinnen bei der Siegerehrung nicht weniger bejubelt wurden als die anderen Medaillengewinnerinnen.
Ein Drehbuch hätte aus Sicht des Gastgebers dabei nicht besser geschrieben werden können. Denn die letzte Goldmedaille der WM ging an Darja Varfolomeev. Ein schöneres Ende als eine Siegerehrung mit deutscher Nationalhymne kann man sich gar nicht vorstellen
, freute sich Alfons Hölzl nicht nur, weil er dem aktuellen Star der Rhythmischen Sportgymnastik persönlich deren dritte Goldmedaille dieser WM, zu der noch eine bronzene kam, umhängen durfte. Bei aller Euphorie um die nun 14-fache Weltmeisterin blickte der DTB-Präsident auch bewusst neben das ganz helle Scheinwerferlicht: Ich möchte auch die Leistung aller deutschen Athletinnen hervorheben, insbesondere die der Gruppe, die einen Riesensprung gemacht hat, wie auch die beiden Einzelgymnastinnen Lada Pusch und Anastasia Simakova. Bei beiden verlief die WM sicherlich nicht optimal, aber man konnte das Potenzial sehen und die Erfahrung so einer Heim-WM ist sehr wertvoll.
Er dachte selbst an Margarita Kolosov, die nach der verpassten Qualifikation als Expertin und Co-Kommentatorin in der Halle einen Superjob
gemacht habe.
Wir haben als Deutscher Turner-Bund von sehr vielen Delegationen großes Lob erhalten, für die gesamte Organisation, für diese außergewöhnliche Wettkampfhalle, die Technik, das moderne Design, aber auch für die Trainingshallen, die vielen Rückzugsmöglichkeiten für die Athletinnen und die kurzen Wege
, erklärte Alfons Hölzl mit hörbarem Stolz auf das große DTB-Team, das für diese Rahmenbedingungen gesorgt hat.
Insgesamt 24.000 Menschen lockte die WM in die Frankfurter Festhalle, inklusive aller Mannschaften, Betreuerinnen und Betreuer und Mitglieder der Organisation, darunter 260 Volunteers. Eine davon war Christiana Rosenberg-Ahlhaus, die 1975 in Madrid als erste deutsche Sportgymnastin Weltmeisterin wurde. Ich habe es genossen und mich gefreut dabei zu sein
, sagte die heute 68-Jährige, die sich inspiriert von den vielen Volunteers bei den Olympischen Spielen in Paris als freiwillige Helferin gemeldet hatte und im Medienbereich im Einsatz war: Wenn man hinter den Kulissen ist, sieht man auch erst einmal, was alles hinter so einer Veranstaltung steckt. Das war ein Riesending mit einer durchweg tollen Atmosphäre. Hier hilft einfach jeder jedem.
Groß war auch der Respekt vor den sportlichen Leistungen der Gymnastinnen. Was die alles können, ist zirkusreif, das ist nicht mehr von dieser Welt
, schwärmte Christiana Rosenberg-Ahlhaus, die dabei erfreut ist von der Entwicklung, dass die choreografischen und tänzerischen Elemente wieder in den Vordergrund rücken.
Als Dank an die vielen Helferinnen und Helfer hinter den Kulissen und auch das Publikum hatte sich auch Darja Varfolomeev für einen Gastauftritt bei der Show am Samstagabend entschlossen. Die besten Drei aus dem Mehrkampf wurden gefragt, ob sie am Abend auf die Fläche kommen wollen. Ich hatte erst einmal abgesagt, denn es wurde ja sehr spät
, erklärte die Olympiasiegerin am Sonntag: Aber ich habe nochmal überlegt mit dem ganzen Team. Ich war einfach sehr dankbar für die Unterstützung durch das Publikum, deshalb wollte ich mich nochmal bei allen zeigen und bedanken.
Nach der Meisterschaft mit dem wohl größten Druck für sie freut sich Darja Varfolomeev nun auf einen langen Urlaub. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt geht es am Dienstag Richtung Griechenland. Sie versicherte den Fans, dass sie der Sportart noch eine Weile erhalten bleibe: Meine Motivation ist die Liebe für diesen Sport. Ich fühle die Begeisterung noch jeden Tag.
Was natürlich auch Alfons Hölzl gerne hört, der sich von der erfolgreichen WM auch einen Impuls für die Rhythmische Sportgymnastik in Deutschland insgesamt erhofft: Nicht nur für die Leistungszentren, sondern auch die Vereine sollen hiervon profitieren. Es muss uns gelingen, die passenden Angebote zu schaffen, so dass viele junge Mädchen diesen tollen Sport betreiben möchten.