Margarita Kolosov legt nach zehn Stunden Moderation das Mikrofon weg. Aber nicht zum Feierabend, sondern nur zur Pause. Denn noch warten drei weitere Stunden Einsatz auf die Rhythmische Sportgymnastin, die in der Frankfurter Festhalle natürlich gerne auf statt neben der Wettkampffläche im Einsatz gewesen wäre. Aber nach sehr durchwachsenen zwei Jahren hatte die Olympia-Vierte von Paris 2024 die Qualifikation für die Heim-WM knapp verpasst. Zum verabredeten Interview auf dem Kiss & Cry-Sofa neben ihrem Kommentatoren-Platz an der Seite von Hallensprecher Jens Zimmermann ist es nur ein kurzer Weg. Doch es braucht eine ganze Weile, denn die Fans auf der Tribüne hatten "Marga" entdeckt und es bildete sich schnell eine Schlange vor der beliebten Gymnastin. Kein Wunsch nach Autogramm oder Selfie wird enttäuscht, bevor die 22 Jahre alte Potsdamerin über ihre ersten Erfahrungen und Eindrücke in einer für sie neuen Rolle spricht.
Hallo Marga, du wirst es sicher nicht zum ersten Mal hören: Großes Lob für Deinen Job als Expertin am Mikrofon hier in der Frankfurter Festhalle. Wie erlebst Du diese Weltmeisterschaft aus dieser für dich ganz neuen Perspektive?
Es freut mich natürlich sehr, dass die Leute das so gut aufnehmen und mir so viel positives Feedback geben. Ich selbst bin sehr kritisch mit mir, auch wenn ich so etwas zum ersten Mal mache. Wenn ich mal nicht die besten Sätze bringe oder nicht die größte Tiefe in meinen Aussagen habe, ärgert mich das dann schon mal. Aber ich liebe es zu reden, deshalb trifft sich das ganz gut. Und es freut mich sehr, dass ich in diese WM eingebunden werde und auch eine sehr wichtige Rolle bekommen habe.
Wie schwer ist es denn, Übungen von langjährigen Weggefährtinnen, Konkurrentinnen und auch Teamkolleginnen über die Hallenlautsprecher zu bewerten?
Es ist schwer, immer neutral zu bleiben. Natürlich hat man auch persönliche Präferenzen bei Leuten, die man schon länger kennt. Dann ist es auch schwer, wenn man wie zum jetzigen Zeitpunkt schon zehn Stunden kommentiert, immer etwas Neues zu finden, was man sagen kann. Denn irgendwo sind die Übungen ja immer aus den gleichen Elementen gebaut. Trotzdem möchte ich ja nicht das Licht von einigen Gymnastinnen wegnehmen, weil jede von ihnen ist besonders, jede geht durch eine harte Zeit, so eine WM ist nie etwas Leichtes. Deshalb ist es nicht einfach, bei der Kommentierung und Bewertung immer das Gleichgewicht zu halten.
Wie sehr drückt sich denn neben dem lachenden Auge vielleicht doch mal ein Tränchen aus dem weinenden Auge, bei dieser Heim-WM nicht als Athletin dabei sein zu können?
Als ich das erste Mal in die Halle gekommen bin und gesehen habe, wie schön das alles aussieht, wie schön diese Halle aufgebaut wurde, da war es schon sehr schwer, die Tränen zurückzuhalten. Es ist schon hart, so lange für Deutschland gestartet zu sein und dann in Deutschland nicht als WM-Starterin dabei zu sein. Aber für mich ist es nun auch eine ganz andere Erfahrung und Aufgabe, auf die ich mich voll konzentriere. Auf der anderen Seite bin ich sehr froh für die Mädels, die dabei waren und noch dabei sind. Denn ich weiß, dass hier alle ihr Bestes geben. Die haben alle hart trainiert für diese WM.
Wie bewertest Du als Fachfrau den sportlichen Verlauf dieser WM und was erwartest Du von den Entscheidungen um die Medaillen?
Diese WM hat viele Geräteverluste. Und ganz oft ist es so, dass nach dem ersten Verlust weitere folgen. Auch bei Athletinnen, von denen man das gar nicht gewohnt ist. Man kann das sicherlich mit äußeren Faktoren erklären wie der hohen Decke oder auch Air-Conditioning beim Band etwa. Aber dann gibt es wiederum andere, die es gut und besser machen. Das ist ja letztlich auch die Kunst einer starken Gymnastin, sich den Umständen anzupassen. Man kennt natürlich die Gymnastinnen, die vorne mitspielen. Aber jetzt heißt es einfach, Nervenstärke zu bewahren. Denn es kann immer alles passieren. Das haben wir bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften schon zigmal gesehen, dass auch Topfavoritinnen ganz viele Fehler machen. Das sind alles Menschen, man weiß vorher nie, was auf der Wettkampffläche passiert.
Du wirst bis zur letzten Übung am Sonntag als Expertin moderieren. Du wirst in der Festhalle aber auch noch einen Auftritt auf der Wettkampffläche haben. Was kannst du uns schon verraten zu deinem Einsatz bei der Show "Wonderful World of Gymnastics" am Samstagabend?
Ich habe mir selbst etwas überlegt nach einer gewissen Absprache mit dem Organisationsteam, in welche Richtung meine Musik gehen soll. Ich habe den Song persönlich ausgesucht, geschnitten und auch die Übung gestellt. Deswegen ist es für mich ganz cool, dass es so persönlich ist. Es ist ein Song, den ich sehr oft gehört habe und auch für eine Reifenübung nehmen wollte. Da wurde mir aber gesagt, die Musik sei zu schnell. Deshalb bin ich froh, ihn jetzt für diese Show einsetzen zu können. Ich bin mir sicher, die ganze Show wird sehr cool - und Marga wird typisch Marga sein.