Bei den Finals in Hannover geht es für die deutschen Turner vom 23. bis 26. Juli 2026 um weit mehr als deutsche Meistertitel. Die Titelkämpfe in der ZAGarena sind die letzte und wichtigste Qualifikation für die Europameisterschaften in Zagreb und damit der entscheidende nationale Leistungstest des Sommers. Die Turner können sich diesmal gezielt auf diese Meisterschaften vorbereiten. Deshalb erwarte ich ein höheres Niveau und eine größere Teilnehmerschaft
, sagt Cheftrainer Jens Milbradt. Hannover wird damit nicht nur zur Standortbestimmung vor Zagreb, sondern auch zu einem wichtigen Baustein in der langfristigen Entwicklung mit Blick auf die Olympiaqualifikation 2028.
Höhere Erwartungen als im Vorjahr
Nach einem eher durchwachsenen Frühjahr mit mehreren Weltcup-Wettkämpfen erwartet Milbradt ein deutlich höheres Niveau als noch vor einem Jahr. Anders als 2025, als die Finals ungünstig zwischen Europa- und Weltmeisterschaften lagen, können sich die Turner diesmal gezielt auf die Deutschen Meisterschaften vorbereiten. Der sportliche Wert der Titelkämpfe ist damit deutlich gestiegen. Hannover wird zur ersten großen Standortbestimmung des Sommers und zum Gradmesser dafür, wie weit die deutschen Turner auf dem Weg nach Zagreb bereits sind.
Duell um den Mehrkampftitel
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Timo Eder (MTV Ludwigsburg). Der Mehrkämpfer erreichte bei den vergangenen Weltmeisterschaften das Mehrkampffinale und präsentierte sich zuletzt beim Challenge Cup in Koper (SLO) mit zwei Silbermedaillen in starker Form. Er geht damit als einer der prägenden Turner des deutschen Teams in die Finals.
Herausfordern kann ihn vor allem Radomyr Stelmakh (SC Cottbus). Der 20-Jährige stammt aus der Ukraine, lebt seit mehreren Jahren in Deutschland und nahm bereits an Olympischen Spielen teil. Seit März besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft und kann damit erstmals regulär bei Deutschen Meisterschaften starten. Schon bei seinen Auftritten außer Konkurrenz im vergangenen Jahr hinterließ er einen starken Eindruck. Nun zählt er zu den spannendsten Athleten im Teilnehmerfeld. Milbradt hält es durchaus für möglich, dass Stelmakh direkt in den Kampf um den deutschen Meistertitel eingreift.
Dunkel und Brendel als weitere Faktoren
Als dritte Kraft kann Nils Dunkel (SV Halle) in den Mehrkampf eingreifen. Er gehört seit Jahren zu den konstantesten Leistungsträgern im deutschen Team. Besonders beeindruckt Milbradt dessen Bereitschaft, Training und Inhalte immer wieder zu hinterfragen und seine Übungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Nach langer Verletzungspause kehrt zudem Pascal Brendel (TV 68 Wetzlar) zurück. Der Mehrkämpfer arbeitet sich Schritt für Schritt an sein früheres Leistungsniveau heran und könnte im Kampf um die Medaillen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Milbradt erwartet sowohl im Mehrkampf als auch an den einzelnen Geräten einen offenen Wettbewerb.
Gesucht sind Spitzenwerte
Für das Trainerteam geht es in Hannover jedoch nicht allein um Platzierungen. Für uns steht 2026 vor allem die Weiterentwicklung der Schwierigkeit im Vordergrund
, sagt Milbradt. Das Jahr 2027 werde entscheidend für die Olympiaqualifikation sein. Deshalb liegt der Fokus darauf, die Grundlagen für die kommenden Jahre zu schaffen. Saubere Übungen bleiben wichtig, entscheidend ist für den Bundestrainer jedoch, dass die Turner bei den Inhalten und Schwierigkeitswerten einen deutlichen Schritt nach vorne machen.
Gleichzeitig sieht Milbradt noch Entwicklungspotenzial. Zwar verfügt Deutschland derzeit über mehrere starke Mehrkämpfer, doch absolute Spitzenleistungen an den Einzelgeräten sind noch zu selten. Analysen des Trainerteams zeigen, dass es an Übungen im Bereich von 14 Punkten und mehr fehlt. Genau diese Spitzenwerte werden jedoch benötigt, um international um Medaillen kämpfen zu können. Während Deutschland an Pauschenpferd, Barren und Reck solide aufgestellt ist, sieht Milbradt vor allem an den Ringen sowie an Boden und Sprung weiteren Verbesserungsbedarf.
Bühne für höhere Aufgaben
Neben ihrer sportlichen Bedeutung bieten die Finals den Turnern eine Bühne, wie sie im nationalen Wettkampfkalender nur selten zu finden ist. Vor mehreren Tausend Zuschauern und im Umfeld zahlreicher deutscher Meisterschaften sammeln sie Erfahrungen unter Bedingungen, die internationalen Großereignissen nahekommen. Diese Vielfalt an Sportarten an einem Ort ist etwas Besonderes
, sagt Milbradt. Für viele Athleten sind die Finals deshalb weit mehr als nur Deutsche Meisterschaften. Sie sind die Chance, sich vor großem Publikum zu präsentieren und sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.
Hannover liefert damit nicht nur die Deutschen Meister des Jahres 2026. Die Finals geben zugleich wichtige Antworten auf die Frage, mit welchen Turnern Deutschland wenige Wochen später bei den Europameisterschaften in Zagreb antreten wird und wer das Potenzial besitzt, den Weg Richtung Olympia 2028 entscheidend mitzugestalten.