Ratgeber
Neurozentriertes Training
Warum dein Gehirn der Schlüssel zu besserer Leistung ist
Neurozentriertes Training rückt das Nervensystem ins Zentrum und eröffnet damit völlig neue Wege für Leistung, Schmerzfreiheit und Bewegungsqualität. Erfahre, warum diese Trainingsform weit mehr ist als ein Trend und wie sie Menschen jeden Alters unterstützt, egal ob junge Spitzensportler*innen oder Menschen im Alter.
Was ist neurozentriertes Training?
Neurozentriertes Training, oft auch Neuroathletik genannt, ist weit mehr als ein kurzlebiger Fitnesshype. Wer sich einmal mit den Hintergründen und Ansätzen beschäftigt, erkennt schnell, wie entscheidend das Nervensystem ist.
Es steuert jede Bewegung, jede Reaktion, jedes Leistungsniveau und sollte daher ein fester Bestandteil in jedem Training oder Therapie werden. Statt sich ausschließlich auf Muskeln, Faszien oder Kraft zu konzentrieren, setzt dieser Ansatz direkt an der Steuerzentrale des Körpers an, dem Gehirn. Dadurch wird Training nicht nur effektiver, sondern auch nachhaltiger, denn Verbesserungen entstehen dort, wo Bewegung tatsächlich entsteht.
Für wen eignet sich diese Methode?
Die Antwort ist einfach: Für jeden, der ein Gehirn hat! Egal ob
- Spitzensportler*in auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten der Leistungssteigerung
- Büroangestellte, die Nackenverspannungen loswerden möchten
- oder
Opa Erwin
, der einfach nur schmerzfrei seine Enkel hochheben möchte.
Die Optimierung des Nervensystems kennt keine Altersgrenze oder Fitnesslevel.
Input, Interpretation, Output: Die Dreifaltigkeit der menschlichen Leistung
Input
Das Fundament für alle Entscheidungen
Die Eingabe oder der Input
stellt die Grundlage für alle weiteren neurologischen Prozesse dar. Hier sammelt das Gehirn Informationen aus sämtlichen Sinnessystemen, sei es propriozeptiv, visuell, vestibulär oder andere. In der traditionellen Sportwissenschaft und Therapie wird leider oft nur das propriozeptive System berücksichtigt. Maßnahmen wie Dehnen, Faszienrollen, Massage oder Taping sind zwar wichtig, bleiben jedoch an der Oberfläche des Potenzials, das unser Nervensystem bietet. Neurozentrierte Übungen richten ihren Fokus deshalb häufig auf das visuelle und vestibuläre System, also auf unsere Augen und unser Innenohr. Die Qualität des Inputs ist entscheidend; suboptimale oder fehlende Informationen können das Gehirn zu Fehlentscheidungen verleiten, die sich negativ auf unser Verhalten und unsere Leistungsfähigkeit auswirken.
Interpretation
Das Gehirn als intelligentes Entscheidungszentrum
Der zweite Schritt im Dreierkonzept ist die Interpretation dieser gesammelten Daten durch das Gehirn. Ein gesundes, gut funktionierendes Gehirn ist unerlässlich, um die Qualität und Relevanz der Daten zu beurteilen und sie sinnvoll zu interpretieren.
Ein Verständnisproblem
auf dieser Ebene kann verheerende Konsequenzen für den finalen Output haben. Es ist nicht nur wichtig, dass das Gehirn über alle nötigen Informationen verfügt, sondern auch, dass es in der Lage ist, diese angemessen zu verarbeiten. Wenn die Interpretation fehlerhaft ist, werden auch die resultierenden Handlungen oder Reaktionen unweigerlich beeinträchtigt sein.
Output
Die manifestierte Entscheidung des Gehirns
Letztlich führt die Interpretation der gesammelten Inputs zu einer Handlung oder Reaktion, die als Output
bezeichnet wird. Dies kann sich in einer Vielzahl von Formen manifestieren, sowohl positiv als auch negativ.
Ein optimierter Output kann sich in gesteigerter Beweglichkeit, Kraft und Leistung äußern.
Negative Outputs können jedoch Bewegungseinschränkungen, Schmerzen, Verspannungen, Unkonzentriertheit und andere unerwünschte Zustände einschließen.
Daher ist es nicht nur wichtig, dass der Input und die Interpretation hochqualitativ sind, sondern auch, dass die gesamte Prozesskette optimal abgestimmt ist.
Vom Input zum Output
Warum Informationen und Interpretation das Fundament für gute Stabilität bilden.
Der Output ist das Ergebnis aller vorhergehenden neurologischen Prozesse. Er ist also jener Moment, in dem der Körper zeigt, wie gut er Informationen verarbeitet hat. Bewegungen, Reflexe, Kraftentfaltung und Stabilität sind nichts anderes als Ausdruck dieser finalen Entscheidung des Gehirns. Und genau hier zeigt sich besonders deutlich, wie sensibel dieses System ist: Schon kleinste Unsicherheiten im Input oder in der Interpretation können sichtbar werden – etwa in wackeligen Standpositionen, fehlendem Gleichgewicht, Verspannungen oder unpräzisen Bewegungen.
Besonders das Gleichgewicht reagiert sehr empfindlich auf unklare oder widersprüchliche Signale im Nervensystem. Denn die Fähigkeit, stabil zu stehen, sich sicher zu bewegen oder schnell auf unerwartete Reize zu reagieren, entsteht nicht zufällig. Sie ist das direkte Produkt eines gut koordinierten Zusammenspiels aus Augen, Gleichgewichtsorgan, Körperwahrnehmung und Gehirn.
Genau hier setzt das neuronale Gleichgewichtstraining an: Es optimiert nicht nur Muskeln oder Bewegungstechnik, sondern verbessert die Qualität der zugrunde liegenden Verarbeitung im Nervensystem. Dadurch wird aus dem Output, also der sichtbaren Bewegung, ein zuverlässiger, sicherer und kontrollierter Bewegungsablauf.
Neuronales Training für ein besseres Gleichgewicht
Textauszug und Praxisbeispiele aus dem Buch:
„Neuronales Training für ein besseres Gleichgewicht – Innovative Wege zur ganzheitlichen Sturzprävention“
„Gleichgewicht bedeutet nicht Stillstand, sondern ständige Anpassung. Jeder Mensch kann diese Anpassungen durch gezieltes Training erzeugen und dadurch Sicherheit und Bewegungsfreude zurückzugewinnen. […] Gleichgewicht ist weit mehr als die Fähigkeit auf einem Bein zu stehen oder auf einem Balancekissen zu trainieren. Es ist Ausdruck von Stabilität, Anpassungsfähigkeit und Vertrauen in den eigenen Körper. Gleichgewicht bedeutet, in Bewegung zu bleiben, ohne die Kontrolle zu verlieren. Es ist die Grundlage für Sicherheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Wer einmal erlebt hat, wie das Gleichgewicht verloren geht, weiß, wie sehr es das Leben beeinflussen kann. Ein einziger Sturz kann nicht nur den Körper, sondern auch das Vertrauen in ihn erschüttern. Viele Menschen beginnen danach, Bewegungen zu vermeiden, werden vorsichtiger oder verlieren an Zuversicht. Doch die gute Nachricht ist: Verbesserung ist immer möglich. Unser Nervensystem bleibt ein Leben lang lernfähig, anpassungsfähig und veränderbar.
[...] Biomechanische Prinzipien und muskuläre Kontrolle bilden die Basis jeder Bewegung. Doch sie sind nur ein Teil eines größeren, komplexeren Systems. Erst wenn das Nervensystem die strukturellen Komponenten präzise steuert und integriert, kann das Gleichgewicht aufrechterhalten werden.
Effektives Gleichgewichtstraining beginnt also nicht unbedingt an den Muskeln, sondern im Gehirn. Es geht um Wahrnehmung, Orientierung und Integration. Der Mensch ist keine Ansammlung einzelner Strukturen, sondern ein hochkomplexes System, das nur dann stabil bleibt, wenn alle Ebenen miteinander kommunizieren. Ein Muskel kann nur dann effizient reagieren, wenn das Gehirn die richtigen Informationen erhält und sie sinnvoll verarbeitet. Ein modernes Gleichgewichtstraining sollte deshalb alle beteiligten Systeme berücksichtigen.“
Praxisbeispiele
Ziel: Gezieltes Training (und indirekte Testung) der Konvergenzfähigkeit beider Augen zur Förderung der binokularen Koordination, insbesondere über die Ansteuerung des III. und IV. Hirnnervs.
Ausführung
Ausgangsposition
- Die Übung kann stehend oder sitzend durchgeführt werden.
- Strecke einen Arm mittig vor dem Körper aus.
- Halte einen kleinen Fixpunkt (z. B. Stift, Vision Stick, Finger) auf einer der folgenden Höhen:
- Variante 1 – Auf Augenhöhe: Konvergenz in horizontaler Ebene,
- Variante 2 – Auf Nasenspitzenhöhe: Konvergenz nach unten innen.
Durchführung
- Fixiere den Punkt mit beiden Augen.
- Ziehe den Punkt langsam in Richtung deines Gesichts, sodass deine Augen dem Punkt nach innen folgen.
→ Bei Variante 1 bleiben die Augen in der horizontalen Ebene.
→ Bei Variante 2 folgt die Konvergenz schräg nach unten. - Ziehe den Punkt nur so weit heran, wie er einfach zu sehen ist. Bei beginnendem Doppelbild sofort stoppen.
- Strecke anschließend den Arm wieder vollständig aus, um eine bewusste Divergenzbewegung einzuleiten.
- Führe mehrere Wiederholungen in ruhigem Tempo durch, je nach individueller Belastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit.
Hinweise
- Bei Variante 1 wird vorrangig der Nervus oculomotorius (III) aktiviert, insbesondere zur Ansteuerung des M. rectus medialis.
- Variante 2 fordert zusätzlich den Nervus trochlearis (IV) und den M. obliquus superior, da die Augen nach unten innen geführt werden.
- Auch wenn der Höhenunterschied minimal ist, kann er neurofunktionell große Unterschiede in der Ansteuerung bewirken.
- Achte auf Symmetrie, ruhige Bewegungen und vermeide schnelles „Springen“ mit den Augen.
Ziel: Verbesserung der Aufmerksamkeit, kognitiven Flexibilität und Reaktionshemmung durch gezielte Aktivierung des Kortex – insbesondere des präfrontalen Kortex.
Hintergrund: Der Stroop-Test gilt als einer der bekanntesten Tests zur Messung von kognitiver Kontrolle und Aufmerksamkeitssteuerung. Er erzeugt einen kognitiven Konflikt zwischen automatisierten Prozessen (Lesen) und kontrollierten Prozessen (Farbbenennung), der eine gezielte Kortexaktivierung erfordert, insbesondere in Bereichen, die mit Impulskontrolle, selektiver Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis verbunden sind.
Ausführung
Ausgangsposition
- Platziere die Stroop-Tafel (gedruckt oder digital) in einem Abstand, bei dem die Wörter klar und gut lesbar erscheinen.
- Auf der Tafel stehen Farbwörter (z. B. „ROT“, „GRÜN“, „BLAU“), allerdings ist die Druckfarbe nie identisch mit der Bedeutung des Wortes.
Beispiel: Das Wort „ROT“ ist in grüner Farbe geschrieben.
Durchführung
- Beginne oben links und benenne laut die Farbe, in der das Wort geschrieben ist, nicht das Wort selbst!
- Arbeite dich Wort für Wort durch das gesamte Feld.
- Versuche, in einem gleichmäßigen, aber zügigen Tempo zu arbeiten.
- Wiederhole die Übung für mehrere Durchgänge, um deine Reaktionsgeschwindigkeit und kognitive Stabilität unter steigender Belastung zu trainieren.
- Notiere ggf. die benötigte Zeit, um Fortschritte messbar zu machen.
Hinweise
- Es ist völlig normal, dass du anfangs ins Stocken gerätst oder dich versprichst. Das zeigt, dass dein Gehirn zwischen zwei widersprüchlichen Informationsquellen priorisieren muss.
- Je konsequenter du die Farbbenennung trainierst, desto besser wird deine kognitive Inhibition, also die Fähigkeit, automatisierte Reaktionen zu unterdrücken.
Ziel: Training des kontrollierten Vorwärtsfallens aus niedriger Höhe. Entwicklung eines Schutzreflexes über die Arme, Schulung von Körperspannung, Abbremsmechanik und Kopfkontrolle.
Ausführung
Ausgangsposition
- Gehe auf einer weichen Unterlage in den aufrechten Kniestand.
- Knie, Hüfte und Schultern bilden eine gerade Linie.
- Die Arme sind eng am Körper angewinkelt, die Handflächen zeigen nach vorn, etwa auf Brusthöhe.
Durchführung
- Lasse dich nun kontrolliert nach vorne in Richtung Boden fallen, in dem Rahmen, in dem du dich sicher fühlst.
- Zu Beginn kann der Oberkörper leicht vorgebeugt werden, um die Fallhöhe zu reduzieren.
- Während des Fallens führst du die Arme leicht gebeugt nach vorne, sodass die Hände den Boden als Erstes berühren.
- Nutze deine Brust-, Schulter- und Armmuskulatur, um den Fall abzufedern und sanft abzustoppen.
- Drehe dabei den Kopf zur Seite, um Augen, Nase und Mund vor dem direkten Bodenkontakt zu schützen.
- Wiederhole die Übung mehrmals, aber nur so lange, wie du dich sicher fühlst und das Gefühl hast, die Bewegung kontrollieren zu können.
Hinweise
- Achte auf Körperspannung, besonders im Rumpf und in den Armen.
- Der Bodenkontakt sollte weich, aber aktiv erfolgen – „kontrolliertes Abfangen“ statt „Abstützen in Panik“.
- Der Kopf darf nicht frontal auf den Boden zeigen – die seitliche Drehung schützt vor Gesichtsverletzungen.
LITERATUR TIPP
„Neuronales Training für ein besseres Gleichgewicht – Innovative Wege zur ganzheitlichen Sturzprävention“ von Kevin Grafen öffnet den Blick für die komplexen, aber trainierbaren Mechanismen des Gleichgewichts.
Es erklärt, wie Gehirn, Augen, Innenohr, Körperwahrnehmung und andere Systeme zusammenwirken und wie neuronales Training diese Systeme gezielt verbessern kann. Mit fundiertem Wissen und praxisnahen Übungen zeigt es, wie du dein Nervensystem aktivieren und die Kontrolle über Stabilität und Bewegung zurückgewinnen kannst. Ein Buch für alle, die verstehen wollen, wie Gleichgewicht wirklich funktioniert und die bereit sind, es nachhaltig zu verbessern. Inhalte sind u. a.:
- Risikofaktoren bei Stürzen
- Grundlagen des Gleichgewichts: Sinnessysteme, neuroanatomische Grundlagen und funktionelle Integration
- Testungen und Assessments
- Übungen und Interventionen
Darüber hinaus hat Kevin Grafen folgende Bücher zum Thema „Neurozentriertes Training“ im Meyer und Meyer Verlag veröffentlicht:
Sprossenwand-Lesetipp:
Wie ein "Augenblick" mein Leben veränderte
Ein tiefer Einblick in die Welt des neurozentrierten Trainings
Kevin Grafen
Neuronales Training für ein besseres Gleichgewicht
Innovative Wege zur ganzheitlichen Sturzprävention
Bestell-Nr. 137962
ISBN 978-3-8403-7962-8
Ladenpreis: 29,95 Euro
Aus- und Weiterbildung
Die DTB-Akademie bietet in diesem Themenbereich zwei Weiterbildungen an
Neurozentriertes Training
In der Weiterbildung „Neurozentriertes Training“ werden neben einer Einführung in das komplexe Thema auch Testungen und Trainingsinterventionen vorgestellt, um das Nervensystem auf seine Funktion zu prüfen mit dem Ziel Beschwerden zu lindern sowie Mobilität und Bewegungsabläufe zu verbessern.
Termine:
Neurozentriertes Training – Basics
13. bis 14.06.2026 | mit Chris Löffler in Hannover
19. bis 20.09.2026 | mit Kevin Grafen in Koblenz
Neurozentriertes Training – Vertiefung
05. bis 06.12.2026 | mit Kevin Grafen in Frankfurt am Main
Neuro-Instructor
In der Weiterbildung zum Neuro-Instructor liegt der Fokus auf der Einbindung des Neurotrainings in GroupFitness-Formate. Es wird praxisnah vermittelt, wie das Gehirn Bewegungen steuert und wie du als Trainer*in dieses Wissen nutzen kannst, um die Bewegungsqualität deiner Teilnehmenden gezielt zu verbessern. Mit vielen aktiven Praxiseinheiten lernst du, wie neurozentrierte Impulse ganz einfach in bestehende Übungen und Kursformate integriert werden können.
Ob GroupFitness-Formate wie
- BBP,
- Functional Training,
- Faszien oder
- Fitnesstraining
– diese Weiterbildung bringt frischen Wind in deine Stunden und viele Aha-Momente!
Werde kreativ, entdecke neue Stellschrauben und inspiriere deine Teilnehmenden mit neuen Impulsen.
Die Referentinnen Diana Clar und Lena Schönteich vom FASZIO®-Team liefern jede Menge Praxisinput zur Einbettung des Themas in GroupFitness-Formate.
Termine:
30.04. bis 03.05.2026 | Hamm
30.06. und 02. bis 03.07.2026 | Hamburg