RATGEBER
Longevity
Nicht länger leben, sondern länger gesund bleiben
Wir werden immer älter. Doch die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Jahre haben wir? Sondern vielmehr: Wie viele dieser Jahre verbringen wir gesund, aktiv und selbstbestimmt? Genau hier setzt Longevity an. Der Trendbegriff steht für weit mehr als bloße Langlebigkeit. Es geht darum, die gesunden Lebensjahre zu verlängern und die Lebensqualität bis ins hohe Alter zu erhalten.
Was bedeutet Longevity?
Der englische Begriff Longevity heißt übersetzt „Langlebigkeit“. Dahinter steckt jedoch ein deutlich umfassenderes Konzept. Es geht nicht nur um das Ziel, möglichst alt zu werden, sondern vor allem darum, die Lebensjahre gesund und mit hoher Qualität zu verbringen. Entsprechend wird zwischen der Lifespan (Lebensdauer) und der Healthspan (gesunde Lebensjahre) unterschieden.
Im Fokus der Longevity-Forschung steht deshalb nicht das möglichst hohe Alter an sich, sondern die Frage, wie Menschen körperlich und geistig fit bleiben können.
„Longevity heißt ja nicht möglichst lange zu leben. Das haben wir ja schon geschafft. Wir leben ja deutlich länger als früher. Aber letztendlich geht's darum, gesunde Lebensjahre zu gewinnen ...“
Prof. Dr. Ingo Froböse im Podcast HÖRZU Fit & Gesund Folge 63.
Der demografische Wandel
Noch nie zuvor hatten Menschen in Deutschland eine so hohe Lebenserwartung wie heute. Seit dem 19. Jahrhundert ist diese in Deutschland stark gestiegen und hat sich mehr als verdoppelt. Im Jahr 2020 lag die Lebenserwartung bei 78,5 Jahren für Männer und 83,4 Jahren für Frauen.
Möglich wurde diese Entwicklung durch:
- medizinischen Fortschritt
- bessere Hygiene
- höhere Bildung
- verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen
- wirksame Präventionsmaßnahmen
Das chronologische und biologische Alter
Im Zusammenhang mit Longevity gewinnt ein weiterer Begriff an Bedeutung: das biologische Alter. Es beschreibt die tatsächliche Funktionsfähigkeit des Körpers und wird anhand verschiedener Biomarker (= messbarer biologischer Parameter) ermittelt. Während es im Kontext der Lebenserwartung um das chronologische Alter geht, also die Anzahl der Jahre nach der Geburt bis zum Tod, können in Bezug auf das biologische Alter zwei Menschen gleich alt sein, biologisch jedoch unterschiedlich altern.
„Lange dachte man, wie alt wir werden, sei reine Glückssache und nur von den Genen bestimmt. Doch die Forschung hat diese Sicht gründlich verändert. Große Zwillingsstudien*) zeigen: Nur rund 20 Prozent unserer Lebensdauer sind genetisch vorgegeben. Der Rest? Hängt von dir ab, von deinem Lebensstil, deinen Gewohnheiten und deiner Umgebung.“
*Quelle: Sangita Pal and Jessica K. Tyler (2016). Epigenetics and aging. Science Advances.
So Luise Walther, Expertin für neurozentriertes Training, Bewegung und ganzheitliche Gesundheit in Ihrem Fachbuch „Dein Longevity-Guide“
„[…] Langlebigkeit ist kein Versprechen der Zukunft. Sie ist eine bewusste Lebensführung in der Gegenwart.“ Luise Walther
Quelle: Walther, 2026, S. 21
Die sechs Dimensionen von Longevity
Luise Walther macht deutlich: „Das Ziel der klassischen Medizin war lange Zeit klar: Leben verlängern. Symptome behandeln. Risiken vermeiden. Ein Ziel, das wir in vielen Bereichen erreicht haben – Menschen werden heute älter als je zuvor. Aber was nützt dir ein 90. Geburtstag, wenn du ihn im Rollstuhl, mit zwölf Medikamenten und ohne geistige Klarheit verbringst? […] Es geht nicht nur darum, wie lange du lebst. Es geht darum, wie intensiv, erfüllt und schmerzfrei du diese Zeit erlebst.“ Quelle: Walther, 2026, S. 25
Luise Walther differenziert in ihrem Longevity-Guide zwischen sechs Dimensionen gesunder Langlebigkeit:
- Schlaf
- Stressmanagement
- Bewegung
- Ernährung
- Wohlbefinden
- Beziehungen
Quelle: Walther, 2026, S. 27f.
Dabei wirken die einzelnen Bereiche eng zusammen. Wer regelmäßig trainiert, schläft häufig besser. Wer soziale Kontakte pflegt, kann Stress leichter bewältigen. Wer sich ausgewogen ernährt, unterstützt körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.
„Wenn du heute die richtigen Weichen stellst – mit Bewegung, Ernährung, Schlaf, mentaler Stärke und guten sozialen Verbindungen – kannst du Krankheiten wie Diabetes, Herzprobleme oder Demenz hinauszögern oder sogar verhindern. Du kannst Jahre gewinnen, die lebenswert sind.“ Luise Walther
Quelle: Luise Walther, 2026, S. 18
Bewegung
Die wichtigste Longevity-Dimension für den Vereinssport
Übungsleiter*innen in Sport- und Turnvereinen sind die Bewegungsexpert*innen.
Deshalb lohnt ein besonderer Blick auf die Dimension, die im Vereinsalltag den größten Stellenwert hat: BEWEGUNG
Zahlreiche Studien zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität eines der wirksamsten Mittel ist, um die Gesundheitsspanne zu verlängern. Sie stärkt Muskeln, Knochen und Herz-Kreislauf-System, verbessert die kognitive Leistungsfähigkeit und reduziert das Risiko zahlreicher Zivilisationskrankheiten.
Wie eine kleine Dosis Stress dich beim Sport stärkt
Ein bewegungsreicher Alltag ist wichtig. Für eine optimale Gesundheitswirkung empfehlen Expert*innen jedoch zusätzlich gezielte Trainingsreize.
Hier kommt das Prinzip der Hormesis ins Spiel.
„Wenn du trainierst, erzeugst du kurzfristig leichten oxidativen Stress – etwa durch intensivere Atmung oder erhöhte Stoffwechselaktivität. Doch genau das ist gesund, weil dein Körper darauf mit einer Anpassung reagiert: Er produziert vermehrt eigene Schutzsysteme, darunter die Antioxidantien Glutathion und Superoxid-Dismutase. Das Ergebnis: Deine Zellen werden langfristig robuster und widerstandsfähiger gegenüber Stress. Man nennt dieses Prinzip Hormesis – kleine Dosen Stress, die dich stärker machen.“ Quelle: Walther, 2026, S. 122
Mit anderen Worten: Richtig dosierte Belastung macht den Körper widerstandsfähiger und unterstützt gesundes Altern.
Longevity im Verein: Tipps für Übungsleitende
Eine zentrale Herausforderung im Sport besteht darin, Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam zu trainieren. Statt ständig neue Übungen anzubieten, empfiehlt Luise Walther im Ü-Magazin 2/2026 das sogenannte Drei-Parameter-Modell.
Dabei bleibt die Übung gleich, während ihre Schwierigkeit individuell angepasst wird.
Mehr dazu gibt es im Leitartikel „Longevity im Kurs: Warum Individualisierung mehr bringt als „mehr Training“ des Ü-Magazins 2/2026.
Kursregel
- für alle drei Parameter
- Wenn es wackelig wird: Tempo reduzieren.
- Wenn es unangenehm wird: Bewegungsumfang verkleinern.
- Wenn es unsicher wird: Ausgangsposition vereinfachen (z. B. Halt an Wand/Stuhl, Sitz, Kniestand).
- Wenn es zu leicht ist: nur eine Stellschraube steigern (Tempo oder Bewegungsumfang oder Position – nicht alles gleichzeitig).
Diese Systematik ermöglicht ein individuelles Training, ohne die Gruppe zu überfordern und unterstützt das langfristige Ziel der Longevity: gesund, beweglich und leistungsfähig zu bleiben.
Parameter A: Geschwindigkeit (Tempo)
Tempo verändert die Anforderungen an Bewegungssteuerung, Stabilität und Balancefähigkeit. Je schneller, desto weniger Zeit für Korrektur und desto höher die sensorische und koordinative Last. Für die Praxis reicht eine abgestufte Skala:
- langsam: Präzision, Wahrnehmung, hohe Lernqualität; oft tonusregulierend
- mittel: alltagstauglich, gut reproduzierbar; Kursstandard
- schnell: dynamische Stabilität, sportnäher; höhere Reaktivitätsanforderung
- alltagsspezifisch: Tempo/Rhythmus wie im Alltag (Treppe, Richtungswechsel, Griffbewegungen)
- superschnell: selektiv und kurz, nur mit stabiler Basis (Schnellkraft/ Reaktion)
Parameter B: Bewegungsumfang
Bewegungsumfang bedeutet nicht nur „wie tief“, sondern ist eine Steuergröße für Hebel, Belastung und sensorische Rückmeldung. Longevity bedeutet langfristig: Gelenke im vollen Bewegungsradius bewegen, und zwar so, dass Kontrolle und Atmung stabil bleiben.
- kleiner Bewegungsumfang: Einstieg, Sicherheit, Schmerzsensitivität respektieren
- mittlerer Bewegungsumfang: kontrollierter Aufbau, solide Standardvariante
- großer Bewegungsumfang/voller Radius: Zielgröße, wenn Achse, Atmung und Ausführung stabil sind
Parameter C: Positionen
(Ausgangsposition & Kontext)
Ob Liegen, Sitzen, Kniestand oder Stehen entscheidet darüber, wie stark Gleichgewichtssystem, Propriozeption und visuelle Stabilisierung gefordert werden. Positionen beeinflussen damit den Effekt auf Gleichgewicht, Stabilität, Balancefähigkeit und Bewegungssteuerung.
- Liegen/Sitzen: niedrigschwellig, weniger Balanceanforderung
Kniestand/Stand: mehr Balanceinput, mehr Rumpf- und Beinachsenarbeit - alltagsspezifisch/sportartspezifisch: Transfer und Reaktionsanforderung Steigen
Longevity trifft Faszie
Wer an gesundes Altern denkt, denkt häufig an Muskeln, Ausdauer oder Ernährung. Doch auch das fasziale System spielt eine wichtige Rolle.
Faszien durchziehen den gesamten Körper als elastisches Netzwerk und beeinflussen Beweglichkeit, Kraftübertragung, Körperwahrnehmung und Regeneration. Gezieltes fasziales Training kann maßgeblich zu einer höheren Lebensqualität, anhaltender Vitalität sowie geistiger und körperlicher Fitness bis ins hohe Alter beitragen. Die Bewegungstherapeutin und FASZIO®-Mitgründerin Heike Oellerich betrachtet Longevity aus einer ganzheitlichen Perspektive der 7 FASZIO®-Strategien. Sie richtet damit den Fokus insbesondere auf das fasziale System als Schlüsselstruktur mit Relevanz für Gesundheit und Alterungsprozesse.
Interview mit Heike Oellerich
Heike, welche Rolle spielen Faszien aus deiner Sicht für gesundes Altern?
Eine riesige. Faszien verbinden alles im Körper miteinander, nicht nur die Körperstrukturen sondern auch alle Vorgänge im Organismus. Wenn sie geschmeidig, belastbar und gut mit Flüssigkeit versorgt sind, bewegen wir uns leichter, fühlen uns stabiler und können sowohl physische als auch selbstheilende Kräfte besser übertragen. Das wirkt sich auf die Widerstandsfähigkeit aus und damit letztlich darauf, wie schnell der Alterungsprozess voranschreitet.
Wie verändern sich unsere Faszien im Laufe des Alterns?
Das Spannende ist: Wir schieben viele Veränderungen gerne aufs Alter, obwohl sie oft eher mit Bewegungsmangel zusammenhängen. Faszien passen sich ein Leben lang an das an, was wir mit unserem Körper machen – oder eben nicht machen. Wer sich wenig bewegt und den Körper immer nur einseitig belastet, verliert nach und nach an Elastizität, Gleitfähigkeit und Anpassungsfähigkeit. Das kann mit 30 genauso passieren wie mit 70. Natürlich gibt es altersbedingte Veränderungen im Gewebe, aber der Lebensstil hat einen viel größeren Einfluss. Die gute Nachricht ist: Faszien bleiben bis ins hohe Alter anpassungsfähig und reagieren positiv auf regelmäßige, vielseitige Bewegung.
Kann fasziales Training altersbedingtem Bewegungsverlust entgegenwirken?
Ja, davon bin ich überzeugt. Natürlich hält es den Alterungsprozess nicht vollständig auf, aber es kann helfen, Beweglichkeit, Elastizität, Koordination und Körperwahrnehmung lange sowie gut funktionierende Transportwege zu erhalten. Also Lebensqualität bis zum Schluss. Entscheidend ist, dass das Training vielseitig ist und regelmäßig stattfindet.
Gibt es typische Warnsignale des Körpers, die auf Probleme im Fasziensystem hinweisen?
Häufig berichten Menschen über morgendliche Steifigkeit, das Gefühl, unbeweglicher zu werden, Spannungsgefühle oder Schmerzen, die sich gar nicht so genau lokalisieren lassen. Das muss nicht immer an der Faszie liegen, kann aber ein Hinweis darauf sein, dass das Gewebe mehr Bewegung und Abwechslung braucht.
Was kann jeder Mensch im Alltag tun, um seine Fasziengesundheit zu verbessern?
Das Wichtigste ist abwechslungsreiche Bewegung. Dabei darf diese auch ungeplant sein, mit unterschiedlichen Richtungen, Geschwindigkeiten und Belastungen. Dazu ausreichend schlafen, genug trinken und dem Körper regelmäßig Erholungsphasen geben.
Was sind deine Top 3-Maßnahmen, um möglichst lange gesund, beweglich und leistungsfähig zu bleiben?
- Jeden Tag beweglich sein und zwar möglichst abwechslungsreich und mit positivem Mindset.
- Funktionale Kraft trainieren: In die Weite arbeiten, Belastungsreize setzen, Reaktionskompetenz erhöhen.
- Regeneration ernst nehmen: Lebensfreude, guter Schlaf, Stressmanagement und ausreichend Erholung gehören genauso dazu wie Training.
Zur Person ...
Heike Oellerich ist Bewegungstherapeutin, Personal Trainerin und Mitgründerin von FASZIO®.
Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Entwicklung ganzheitlicher Bewegungskonzepte, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Trainingsmethoden verbinden. Als Trainerin für Gesundheitssport mit den Schwerpunkten Rückenfitness und Beckenboden sowie als DTB-Ausbilderin und Referentin vermittelt sie ihr Wissen an Fachkräfte aus Training, Therapie und Gesundheitsförderung.
Als freie Autorin veröffentlicht sie zudem Fachbeiträge und Bücher rund um Bewegung, Gesundheit und Faszientraining u.a. Cupping
und Der Faszien-Code
.
Aus- und Fortbildung
Die DTB-Akademie bietet die Fortbildung „Longevity trifft Faszie – 7 Strategien um vital alt zu werden“ mit Heike Oellerich an:
Termine:
- 17. April 2027 in Hamburg
- 5. Juni 2027 in Steinau an der Straße (Hessen)
- 11. bis 12. September 2027 in Hamm (NRW)
Das gesamte Programm der DTB-Akademie unter www.dtb-akademie.de
Quellenverzeichnis:
- Deutscher Olympischer SportBund (2026). Bewegungsempfehlungen – Wie viel sollte sich ein Mensch mindestens bewegen.
Zugriff unter: https://www.dosb.de/wissen/detail/bewegungsempfehlungen - Deutscher Olympischer SportBund (2026). Lebenslang bewegen – Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung.
Zugriff unter: https://cdn.dosb.de/user_upload/Sport_pro_Gesundheit/PDF/bzga_-_Menschen_in_Bewegung_bringen.pdf - DTB (Hrsg.) (2026). Ü-Magazin 2/2026. Meyer & Meyer Verlag, Aachen.
- Statista Research Department (2026). Entwicklung der Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren von 1950 bis 2070 (in Jahren). Erhebungszeitraum vom 01.02.2023 zum 30.03.2023.
Zugriff unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/273406/umfrage/entwicklung-der-lebenserwartung-bei-geburt-in-deutschland-nach-geschlecht/ - Walther, Luise (2026). Dein Longevity-Guide. 50 smarte Wege, um jung und fit zu bleiben. Meyer & Meyer Verlag, Aachen.