In der Mitte kämpfen die Gruppen um Medaillen. Auf den Rängen herrscht aber ein mindestens ebenso harter Wettstreit – im allersportlichsten Sinne. Denn bei aller Konkurrenz und aller lautstarken Anfeuerung für die eigenen Athletinnen bleibt immer genug Applaus und Respekt für die Leistungen der Gymnastinnen aus anderen Nationen. Über 70 finden sich in den Startlisten zu den Weltmeisterschaften in Frankfurt und entsprechend vielfältig sind auch die Beflaggungen auf den Tribünen.
Von wo es am Samstagabend schallt: „Espana, Espana – campeon del mundo“. Der akustische Punktsieg geht an den frisch gekürten Mehrkampf-Weltmeister Spanien, weil natürlich auch der überragende Auftritt der Gruppe die Kehlen beflügelt hat. „Wir haben es sofort geliebt, als wir hier reingekommen sind. Es herrscht eine fantastische Atmosphäre“, beschreibt Franco die Stimmung der Gruppe mit den roten Shirts, zu der viele Familienangehörige der Gymnastinnen gehören. Im Vorjahr waren sie auch bei der WM in Rio. „Aber hier fühlen wir uns wohler“. Nicht nur in der Halle, sondern auch in der Stadt, wo Maria das Hochhaus der Europäischen Zentralbank besonders beeindruckt hat, andere den Ebbelwoi als lokale Spezialität erkannt und auch geschmacklich für gut befunden haben.
Dass es in Frankfurt schöner ist als in Rio lässt die Gruppe ein paar Sitze weiter natürlich nicht gelten. „Die Atmosphäre ist vergleichbar, aber in Rio gab es noch mehr Musik“. Samba ist halt immer und überall in Brasilien. Von dort kommen die Männer und Frauen in Grün und Gelb. Auch Fans und Familienmitglieder der Gymnastinnen, die im Gruppen-Mehrkampf Dritter werden. Fortsetzung des Aufschwungs der Rhythmischen Sportgymnastik in Brasilien, der laut Henrique mit Heim-Olympia 2016 einsetzte und mit der ersten Medaille bei der Heim-WM 2025 seinen ersten Höhepunkt fand. Die 30 Brasilianerinnen und Brasilianer sind eigens für die WM angereist. Kurzreise über den Atlantik, die trotz der wenigen Tage Zeit für Touristenprogramm lässt. Die Favoriten: Altstadt und Skyline.
„Aus Ingenieurssicht finde ich auch die Hochhäuser am interessantesten“, sagt auch Mantas aus Litauen, der mit seiner Fangruppe aber auf der anderen Seite des Mains wohnt. An einem „Drinking place“, wie er es beschreibt – gemeint ist Sachsenhausen. Es sei dort sehr laut, aber sonst sei Frankfurt „eine schöne Stadt“. Mit einer schönen Festhalle, in der „wir alles geben werden“. Wobei das Quintett auf der Wettkampffläche ergebnismäßig nicht ganz dem Dutzend Fans auf den Rängen gerecht werden konnte: Platz 29 im Mehrkampf.
Was auch für die Gruppe aus Israel gilt, für die Yuri so leidenschaftlich ein eigens entworfenes Banner und natürlich die Flagge mit dem Davidstern gewirbelt hat. „Die Performance war nicht gut“, sagt seine Frau Anna weit bevor Platz 14 in der Gesamtwertung feststeht. Beide haben trotzdem ihren Spaß in der Festhalle: „Hier ist alles sehr gut organisiert. Atmosphäre und Fans sind großartig. Die deutschen Fans feuern alle an und nicht nur ihr eigenes Team.“ Das Paar aus Israel jubelte und klatschte wiederum leidenschaftlich für eine deutsche Sportgymnastik: „Darja ist wirklich eine Heldin“. Begeistert sind die beiden auch von der Stadt, von der sie in der kurzen Zeit scheinbar viel gesehen haben: „Es gibt hier tolle Museen, die Altstadt ist sehr schön, die Kathedrale ist sehr beeindruckend.“
„We love it“ oder „so beautiful“ sind auch die liebsten Bewertungen, die Natalie und Julie verteilen. Natürlich, beide sind US-Amerikanerinnen. Die eine in der Heimat Wertungsrichterin, die andere Besitzerin eines Clubs in New Jersey. Beide Vollblut-Fans mit Stars-and-Stripes-Fahne in der Hand und schon viel rumgekommen in Sachen Rhythmische Sportgymnastik. „Wir reisen zu allen Weltmeisterschaften und Olympia“, sagt Julie und lobt neben den Gastgebern auch die jubelnden Südeuropäer auf der anderen Seite des ersten Rangs: „Die Spanier haben so viel Spaß und sind so laut“.
Da müssen drei junge Frauen aus Brest in der Bretagne aber direkt widersprechen: „Wir Franzosen sind zwar nicht die meisten, aber wir sind die lautesten Fans“. Was ihre Landsfrauen auf der Wettkampffläche wohl bestätigen können, die bei der frenetischen Anfeuerung sogar Probleme gehabt haben dürften, ihre Musik zu hören. „Am Abend der Einzel-Qualifikation waren fast nur noch Franzosen in der Halle“, sagt Charlotte, die mit ihren Freundinnen nicht nur Lärm auf der Tribüne macht, sondern auch auf Instagram fleißig von den Reisen in die RSG-Welt postet.
Gegen die direkt daneben sitzende Fans aus Italien akustisch wenig ausrichten können. Wie auch Aranza, die tapfer, aber alleine ein chilenisches Fähnchen schwenkt. Für die Gruppe, in der auch ihre Schwester turnt. Zwillingsschwestern mit der Ahorn-Fahne aus Kanada, zwei Frauen mit dem Banner aus Aserbaidschan, das an vielen Stellen auftauchende China-Rot, ein mächtiger und lauter Block mit bulgarischen Flaggen, viel Blau-Gelb aus der Ukraine und natürlich noch viel mehr Schwarz-Rot-Gold - die Tribünen der Frankfurter Festhalle sind in diesen Tagen ein stimmungsvoller Treffpunkt von Menschen aus aller Welt, die beweisen: Jubel kennt keine Grenzen.