Am Anfang der ersten Übung wirkte die Gruppe betrunken. Die fünf Gymnastinnen waren natürlich nüchtern, kurze Zeit später aber doch berauscht. Von der eigenen Leistung und auch den Bewertungen für die beiden Übungen im Mehrkampf der Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik. „Wir sind alle froh, dass es uns so geglückt ist und sind einfach dankbar hier zu sein“. Im kurzen Statement von Helena Ripken steckt alles, was Leistung und Erlebnis der von ihr angeführten Gruppe des Turn-Teams Deutschland betrifft. Auch wenn eine Medaille knapp verpasst wurde, waren alle stolz, glücklich und euphorisiert nach zwei starken Auftritten in der Frankfurter Festhalle.
55,050 Punkte bedeuteten am Ende Platz vier im Mehrkampf beim Sieg von Spanien (57,450) vor Japan (57,700) und Brasilien (55,500). Ein keinesfalls undankbarer, sondern glorreicher Platz knapp neben dem Podium. Denn Platz sechs mit 3 Reifen und 2 Keulen (27,350 Punkte) und Platz drei mit fünf Bällen (27,700) sicherten die Teilnahme an allen beiden Einzelfinals am Sonntag. In Summe auch eine enorme Steigerung zur WM im Vorjahr in Rio, als nach Platz acht im Mehrkampf weitere Auftritte mit den Rängen neun und zehn in den Einzelwertungen knapp verpasst wurden. Auch wenn es am Ende sicher doch etwas ärgerlich war, dass Deutschland auch in der Teamwertung der Einzel- und Gruppengymnastinnen Platz vier belegte.
„Die Atmosphäre war unbeschreiblich. Man hat das Publikum gehört und förmlich gespürt“, schwärmte Alisa Datsenko: „Bei jedem Wurf, bei jedem Fang haben wir das Schreien gehört und das Beben gefühlt. Bei der Pose und auch beim Abgang ist die ganze Halle aufgestanden. Ein unbeschreibliches Gefühl, so eine Atmosphäre werden wir nirgendwo mehr haben“. Ein Gefühl, für das sie zusammen mit Helena Ripken, Anna-Maria Shatokin, Anja Kosan (alle TSV Schmiden) und Alina Ott (TSV Nürnberg) dem Publikum aber auch eine hochwertige Gegenleistung lieferte.
„Mit Reifen-Keule bin ich zufrieden, weil die Mädchen ohne Verluste geturnt haben. Mit den Bällen bin ich trotz des einen Fehlers genauso zufrieden, weil die Mädels so mutig waren und sich wirklich getraut haben, alles zu zeigen.“ So lautete das Resümee von Camilla Pfeffer, die hör- und sichtbar stolz war auf ihre Gruppe, die mit Reifen und Keulen eine bewegte Geschichte erzählte: Club de Belugas, tänzerische Piano-Musik, ein Gläschen Sekt, kleiner Schwipps – und los geht der Abend in einer schicken Bar. „Eine Sache ist es, das Gerät gut in der Hand zu halten, das ist natürlich für die Punkte das wichtigste. Aber wir wollen ja eine Geschichte hier erzählen und das haben sie gut gemacht“, freute sich die Bundestrainerin, die danach auch noch eine starke Übung voller spektakulärer Ballstafetten sah: „Eine wichtige Komponente im Code of Points ist die Artistik. Da gehört es auch dazu, Effekte zu schaffen, und das haben wir probiert.“
„Sollten wir die Chancen bekommen, noch einmal zu turnen, sind wir natürlich sehr glücklich und freuen uns auf das Publikum“, sagte Helena Ripken nach Abschluss der zweiten von drei Gruppen, als das Team noch auf Gesamtplatz drei lag. Was auch lange so blieb – bis zur vorletzten Übung des Wettkampfes, mit der Japan noch auf Rang zwei vorrückte und Deutschland aus den Medaillenrängen schubste. Zu diesem Zeitpunkt standen die fünf Gymnastinnen schon auf der Fanzone und gaben Autogramme. „Es wird eh nicht reichen“, sagte Helena Ripken, die dabei sicherlich nicht vermutete, dass es so knapp werden würde.
Trotz der großen Aufgabe am Sonntag zeigt die Gruppe auch am Samstagabend noch einmal Nähe zu den Fans und präsentiert sich im Show-Modus als Teil von „Wonderful World of Gymnastics“. Camilla Pfeffer hat keine Sorge, dass dies negative Auswirkungen auf die Leistung in den Einzelfinals haben könnte. „Die Show-Nummer ist im Vergleich zu den Wettkampfübungen sehr elegant und langsam, sodass es vom Körperlichen her locker ist“, erklärt die Bundestrainerin, für die hinter dem Einsatz auch ein ganz wichtiger Aspekt steckt: „Zum Erfolg gehört ja nicht nur diese Gruppe, sondern alle, die hinter den Kulissen und der zweiten Reihe mitarbeiten. Deswegen war es für mich superwichtig, allen eine Bühne zu geben und dass sich beide Gruppen hier als eine Gruppe präsentieren können.“ In der Show wird die Gruppe aus elf Gymnastinnen des WM-Kaders bestehen. Im Wettkampf wird dann das am Samstag so starke Quintett alles geben, um der Heim-WM weitere außergewöhnliche Momente zu verleihen.