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Europäische Woche des Sports

Verein ist wie eine zweite Familie

13.10.2021 10:17

Dany Kupczik, die stellvertretende Vorsitzende des Sportkreises Frankfurt, im Interview zur Europäischen Woche des Sports.

Eröffnung EWOS | Bildquelle: DTB
Eröffnung EWOS | Bildquelle: DTB

Die "Europäische Woche des Sports", die unter dem Motto #BeActive Frankfurt Ende September ihre siebte Auflage erlebte, brachte die Menschen der Stadt und der Region in Aktion. Unter der Federführung des Sportkreises boten 75 Vereine und Organisationen kostenfrei rund 200 Veranstaltungen. Vielen Zielgruppen – von Kindern und Jugendlichen über Familien, Frauen, Senioren, Menschen mit Handicap bis hin zu Berufstätigen - wurden maßgeschneiderte Angebote gemacht. Im Gespräch mit Dany Kupczik, der stellvertretenden Vorsitzenden des Sportkreises Frankfurt, verbinden wir einen Rückblick mit dem Ausblick auf die weitere Sportentwicklung.

SPORTKREIS FRANKFURT: Frau Kupczik, der Sportkreis hat im Rahmen der Europäischen Woche des Sports 2021 ein hohes Ziel ausgegeben: Frankfurt soll bewegungs- und sport-freundlichste Stadt Europas werden. Was muss alles noch passieren in Stadt und Region, damit dies nicht nur Wunschtraum bleibt?

DANY KUPCZIK: Im alltäglichen Leben erwarten die Menschen ein attraktives Sport- und Freizeitangebot für sich und ihre Kinder. Städte und Gemeinden sollten so konzipiert sein, dass wohnortnahe Spiel- und Sportanlagen zur Verfügung stehen. Neben den klassischen Sporthallen, Sportplätzen und Schwimmbädern bedarf es also einer Stadtentwicklung, die öffentliche Bewegungsräume schafft. Parks und Grünanlagen bieten nicht nur Raum für Naherholung, sondern stellen auch Sport- und Bewegungsflächen dar. Besonders attraktiv ist es, diese mit Bewegungsparcours zu verbinden. Kindertageseinrichtungen und Schulen sollten Orte der Bewegung sein, in enger Zusammenarbeit mit den Vereinen vor Ort.
Sportliche Betätigung ist aus meiner Sicht ein Grundbaustein für eine gesunde körperliche, geistige und soziale Entwicklung. Darüber hinaus bin ich ein großer Befürworter des ‚Bewegungsraum für alle Generationen‘ der genauso selbstverständlich sein sollte, wie der Kinderspielplatz heute. Das altersgerechte Sportgerät brauchen wir ebenso wie den Bolzplatz. Sport und Bewegung leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration und Inklusion und steigern unser aller Lebensqualität.

SPORTKREIS: Sie stehen im Vorstand des Sportkreises als Frau, Mutter und Trainerin für verschiedenste Zielgruppen - lassen Sie uns einen tieferen Blick auf Bedürfnisse der Aktiven werfen. Haben Frauen andere Erwartungen als Männer?

KUPCZIK: Zahlreiche Studien belegen: Sport macht glücklich – und hilft sogar nachweislich gegen Erkrankungen wie Depressionen. Das liegt unter anderem an der erhöhten Ausschüttung der Glückshormone. Auch wenn man fit ist oder sich fit fühlt: Die Anforderungen, mit denen eine Frau konfrontiert ist, sind hoch. Wer mit sich und seinem Körper zufrieden ist, der ist leistungs-fähiger, zufriedener, hat ein höheres Selbstbewusstsein und damit auch eine bessere Präsenz. Diese wiederum ist privat und im Berufsleben Gold wert.
Hier möchte ich gerne mit dem Sportkreis unterstützen, dass Frauen mehr Hilfe geboten wird, wie sie sich mehr im Sport finden, betätigen und bestätigen können. Dazu wären individuelle Beratungen wünschenswert, gerne in Zusammenarbeit mit Frauenhäusern. Wir starten dieses Jahr mit einem Seminar nur für Frauen, die sich im Sport engagieren möchten oder dies schon tun. Das Seminar am 30. Oktober mit dem Thema Zeitmanagement und Arbeitsorganisation soll dazu beitragen, den Spagat zwischen Familie, Job, Sport und Ehrenamt zu bewältigen. Dieses Seminar soll nur ein Anfang sein. Es gibt übrigens noch freie Plätze dafür!

SPORTKREIS: Wie sieht die Situation für Kinder und Jugendliche aus, auch mit Blick darauf, dass hinter uns oft schwierige Monate der Pandemie liegen?

KUPCZIK: Neben der Schließung von Kindergärten und Schulen waren ja die meisten Freizeitaktivitäten untersagt. Sportvereine und Schwimmbäder wurden geschlossen, die Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum, wie auf Spielplätzen, war eingeschränkt. Während der Umfang alltäglicher Bewegungsaktivitäten von Kindern und Jugendlichen im ersten Lockdown zunächst zunahm, haben sich die Bewegungsumfänge junger Menschen im zweiten Lockdown deutlich reduziert. Kinder und Jugendliche brauchen einen raschen und unkomplizierten Zugang zu Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten zur Überwindung der damit verbundenen Probleme und Herausforderungen wie Übergewicht, motorische Einschränkungen, fehlende Vermittlung von Grundmotorik, psychische Probleme und noch mehr.
Sport und Bewegung sind wichtig für die geistige, körperliche und soziale Entwicklung von Kindern. Dabei stärkt Sport nicht nur das Wohlbefinden und die allgemeine Gesundheit, er fördert auch die motorischen und sprachlichen Fähigkeiten. In diesen Bereichen aber weisen Kinder vermehrt Defizite auf. Dies zeigen die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen des städtischen Gesundheitsamtes. Darin wurde außerdem festgestellt, dass etwa jeder achte Schulanfänger in Frankfurt an Übergewicht leidet - besorgniserregende Erkenntnisse, meist die Folgen mangelnder Bewegung. Die Konsequenzen daraus werden zu einem Bumerang für unser Gesundheitssystem. Den Bewegungsbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen sowie der großen Bedeutung von Bewegungsaktivitäten für das Aufwachsen junger Menschen muss große Beachtung geschenkt werden. Vereine haben dank vieler schnell realisierter Online-Angebote in der Pandemie die Menschen weiter erreichen können.

SPORTKREIS: Was kann Online leisten, vielleicht auch in Zukunft? Wie bewerten Sie dazu im Vergleich Präsenzsport?

KUPCZIK: Als am 13. März 2020 der Sportkreis Frankfurt sich schweren Herzens dazu entschied, den Vereinen das Einstellen der Sportangebote zu empfehlen, waren bereits zwei Tage später die ersten Online-Angebote am Start. Der Verein, für den ich als Trainerin und Geschäftsführerin tätig bin, TSV Bonames, gehörte zu den ersten, die online gingen. Es war die einzige Möglichkeit, Sport weiter anzubieten. Während die regulären Kursbesucher zähne-knirschend nach dieser Möglichkeit griffen, holten wir die ‚unsichtbaren Mitglieder‘ aus dem Tiefschlaf. Es war eine Offerte geschaffen, zusätzliche Mitglieder zu erreichen. Solche, die sich nicht in den Kursraum trauen, weil sie sich unsportlich fühlen, sich nicht blamieren wollen, hatten plötzlich die Möglichkeit aktiv zu werden. Und diese Menschen zeigen sich jetzt auch im Präsenzsport. Das ist toll! Oder es wird zumindest weiter online gesportelt. Aber das, was die einzige Möglichkeit in der Pandemie war, sollte ein weiteres Angebot sein, kein alleiniges. Kindersport ist ausgesprochen schwierig online umzusetzen. Es ist zu beachten, dass man niemanden ausgrenzt, der nicht so digitalisiert ist - gerade auch im Seniorenbereich. Ebenso ist eine Sicht auf korrekte Ausführung der Übungen online ausgesprochen schwierig umzusetzen.

SPORTKREIS: Wie sprechen Sie als Trainerin Menschen an, die wenig oder gar keinen Sport betreiben?

KUPCZIK: Tatsächlich habe ich ein europaweites Projekt begleitet, in dem wir Menschen angesprochen haben, die über 40 Jahre alt sind und noch nie in ihrem Leben Sport getrieben haben. Wir haben einfach gefragt, angesprochen, ob sie nicht kostenfrei mal ausprobieren möchten. Ausprobieren ist immer der beste Weg. Und wenn das Angebot groß ist, dann findet sich auch etwas. Meiner Meinung nach gibt es für jeden Menschen ein passendes Sportangebot. Wer kein Sport treibt, hat eben seine Sportart nur noch nicht gefunden! Bei der Projekt-Studie, die über acht Wochen lief, haben übrigens alle Teilnehmer einen Mehrwert durch Sport feststellen können und sind Vereinsmitglied geworden.

SPORTKREIS: Ihr Vorstandskollege Roland Frischkorn, der Vorsitzende des Sportkreises, sagt oft: „Sport ist viel mehr als Wettkampf.“ Was bedeutet Sport für Sie?

KUPCZIK: Sport ist für mich die Möglichkeit, meine Batterien wieder aufzuladen, rauszulassen, was raus muss, sozusagen eine Wellness-Kur für den Kopf. So komme ich wieder in meinen Schuhen an, die mich gelassen durch den Alltag gehen lassen!

SPORTKREIS: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Werte des Sports?

KUPCZIK: Wie lange haben wir Zeit? Ich kann eine Vielzahl aufzählen. Sport steht für Persönlichkeitsentwicklung, Gesundheitsbewusstsein. Wer Sport treibt, zeigt Hingabe, Zielstrebigkeit, Ausdauer, Flexibilität, Teamspirit. Es geht um zuverlässiges Arbeiten an mir selbst, den Umgang mit Emotionen und Aggressionen. Im Sport kann man lernen, mit Kritik und Fehlern umzugehen, Verantwortung zu übernehmen. Letztlich wächst die Fähigkeit, Niederlagen zu akzeptieren und daraus neue Motivation zu schöpfen.

SPORTKREIS: Muss man Vereinsmitglied sein, um Sport richtig betreiben und genießen zu können?

KUPCZIK: „Ein Verein ist kein Zustand, sondern ein Prozess.“ Das ist frei zitiert nach Ludwig Bölkow, einem deutschen Ingenieur. Generell finde ich es wichtiger, dass jeder Mensch seiner Bewegung nach Wahl nachgeht, egal wo.
Aber: Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke und an alle Sportvereine, die ich erlebt habe, dann sehe ich zwar grelle Turnhallen und vielleicht nicht gerade die modernsten Duschen - aber ich sehe vor allem jede Menge Spaß, neue Freundschaften, Ansporn durch Trainer, tröstende Worte, wenn mal etwas nicht geklappt hat, individuelle Unterstützung und Anleitungen. Ich sehe ein breites Lächeln, wenn man sich persönlich weiterentwickelt, anerkennende Worte für ein gutes Training, Zusammenhalt und Rückhalt auch bei privaten Problemen. Ich sehe im Verein eine zweite Familie.

SPORTKREIS: Sie sind seit langem stark engagiert beim TSV Bonames, also sehr nahe an der Basis - was läuft schon gut für die Vereine, wo besteht noch Verbesserungsbedarf, was ist noch zu tun?

KUPCZIK: Ob es um die Unterstützung bei der Entwicklung nachhaltiger und zukunftsorientierter Konzepte geht oder ob es sich um die Lösung aktueller Probleme handelt - der Landessportbund Hessen bietet seinen Mitgliedsvereinen die Möglichkeit, sich eine Vereinsberatung in den Verein zu holen. Das haben auch wir als Verein getan und enorm davon profitiert. Das war das Arbeiten nach innen. Beim Arbeiten nach außen würden wir uns natürlich über mehr offene Ohren freuen, nicht zuletzt auch bei den Medien.

SPORTKREIS: Oder der Politik? Es gibt ja einen neuen Sportdezernenten in Frankfurt, Mike Josef. Wenn Sie einen Wunsch an ihn frei hätten, wie lautete dieser?

KUPCZIK: Den kennt er bereits, und wir sind dabei, gemeinsam Möglichkeiten der Sportent-wicklung zu eruieren – an dieser Stelle: Danke Mike für Dein offenes Ohr!

Das Interview wurde geführt von Jörg Hahn

Sportkreis Frankfurt