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Bundesweite Breitensport-Studie

05.11.2021 11:44

Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt auch im Vereinssport

Studie zu sexualisierter Gewalt im Vereinssport | Bildquelle: Picture Alliance
Studie zu sexualisierter Gewalt im Vereinssport | Bildquelle: Picture Alliance

Der Sport stellt nahezu in allen Bereichen einen Querschnitt der Gesellschaft dar. Allgemeine gesellschaftliche Phänomene finden sich zumeist auch im Sport spiegelbildlich wieder. Nun hat das erste bundesweite Breitensport-Forschungsprojekt "SicherImSport", gefördert vom Landessportbund NRW und unter Beteiligung von zehn weiteren Landessportbünden, nach Abschluss der umfangreichen Datenerhebung von fast 4.400 befragten Vereinsmitgliedern konkrete Zwischenergebnisse vorgelegt.

"Die Befunde unserer Online-Studie bestätigen, dass sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt auch im Vereinssport vorkommen. Deshalb sind der Ausbau von Maßnahmen zum Schutz vor Belästigung und Gewalt sowie Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für Betroffene im Sport wichtig - dies hat ein großer Teil der Sportverbände erkannt und Maßnahmen zur Prävention eingeführt", betonen Prof. Dr. Bettina Rulofs (Bergische Universität Wuppertal) sowie Dr. Marc Allroggen und Dr. Thea Rau (Universitätsklinikum Ulm) als wissenschaftliche Projektleitung.

Nach den Aufsehen erregenden Ergebnissen der "Safe Sport"-Studie zum Leistungssport aus dem Jahr 2016 werten die Forscher*innen nun erstmals Daten ausschließlich zum Breitensport aus - die größte Untersuchung zu diesem sensiblen Thema in Deutschland soll bis zur Jahresmitte 2022 abgeschlossen sein. "Ein überfälliger Schritt, weil uns genauere Erkenntnisse in einem höheren Ausmaß auf dem längst eingeschlagenen Weg wieder enorm weiterbringen können", verdeutlicht LSB-Vorstand Martin Wonik.    

So gab die Mehrheit der Befragten zwar an, mit dem Vereinssport insgesamt "allgemein gute bis sehr gute Erfahrungen" gemacht zu haben, doch etwa ein Viertel der Vereinsmitglieder (rund 26 Prozent) erfuhr mindestens einmal sexualisierte Grenzverletzungen oder Belästigungen (ohne Körperkontakt) im Kontext des Vereinssports, beispielsweise in Form von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text-/Bildnachrichten mit sexuellen Inhalten. Bei rund 19 Prozent kam mindestens einmal sexualisierte Belästigung oder Gewalt mit Körperkontakt vor, zum Beispiel sexuelle Berührungen oder sexuelle Handlungen gegen den Willen. Auch weitere Formen der Verletzung oder Gewalt wurden in der Studie erhoben. So antworteten immerhin 64 Prozent der Personen, mindestens einmal emotionale Verletzungen oder Gewalt im Vereinssport erlebt zu haben, also beschimpft, bedroht oder ausgeschlossen worden zu sein – und mehr als jeder Dritte (37 Prozent) nannte mindestens einmal körperliche Verletzungen oder Gewalt, in Form von geschüttelt oder geschlagen werden. Auch erwähnenswert: Je höher das sportliche Leistungsniveau, desto größer offenbar das Risiko, von Belästigung oder Gewalt betroffen zu sein. So berichten gleich 84 Prozent der Befragten, die auf internationaler Ebene im Leistungssport aktiv waren, von mindestens einer Erfahrung von Belästigung oder Gewalt - dies trifft im Vergleich "nur" auf 53 Prozent derjenigen zu, die im Freizeit- oder Breitensport aktiv waren.

In einer weiteren Teilstudie äußerten sich über 300 Sportorganisationen (92 Stadt-/Kreissportbünde sowie 215 Fachverbände in fünf Bundesländern) zum Stand der Prävention und Intervention innerhalb der eigenen Strukturen. Dabei gaben 63 Prozent (SSB/KSB) und 56 Prozent (Fachverbände) an, über fundierte Kenntnisse zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt zu verfügen. Allgemeine Präventionsmaßnahmen wie z. B. die Benennung von Ansprechpersonen, Durchführung von Schulungsmaßnahmen oder Einsicht von Führungszeugnissen sind demnach weit verbreitet. Risikoanalysen oder Konzepte zur Aufarbeitung von Vorfällen sind allerdings lediglich in nur einem Zehntel der Verbände vorhanden, die bei der Beratung zum Umgang mit Verdachtsfällen oder Vorfällen größten Unterstützungsbedarf haben. 

"Wir sind froh, dass es nun eine Studie für den Breitensport gibt. Die breite Beteiligung aus den Landessportbünden zeigt, wie ernst das Thema genommen wird. Die ersten Ergebnisse der Studie bestätigen unseren Weg, dem  neuen, erweiterten Handlungsfeld Kinder- und Jugendschutz in der dsj mehr Gewicht zu verleihen und den Schutz vor jeder Form von Gewalt stärker in den Blick zu nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass Sportvereine ein wichtiger Partner in der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe sind, um Kindern und Jugendlichen ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen. Um diese sicherer zu gestalten, setzen wir uns für eine gemeinsame Diskussion mit unseren Mitgliedsorganisationen für bundesweite Mindeststandards bei Schutzkonzepten in Sportvereinen ein. Zusammen arbeiten wir an der Qualitätssicherung in den Anlaufstellen zur Beratung von Kinderschutzfällen in den Landessportjugenden und -bünden. Hierfür braucht es weiterhin dringend den flächendeckenden Ausbau von spezialisierten Fachberatungsstellen.", so die Reaktion von Stefan Raid, 1. Vorsitzender dsj, zu den veröffentlichten Ergebnissen der Studie SicherImSport. Am 18. November 2021 wird die dsj mit dem 12. Forum Safe Sport an der Weiterentwicklung für einen sicheren Kinder- und Jugendsport anknüpfen.

DTB will gesamtverbandlichen  Kultur- und Struckturwandel

Der Deutsche Turner-Bund hat im Zuge dieser gesellschaftlichen Debatte in den vergangenen Monaten einen gesamtverbandlichen Kultur- und Strukturwandel unter dem Motto Leistung mit Respekt für die leistungsorientierten Sportarten im DTB angestoßen. Hierbei geht es darum, die Rahmenbedingungen für einen respektvollen Leistungssport für alle Beteiligten weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Arbeitsgruppe "Befragung" sollen möglichst viele Sichtweisen und Erfahrungswerte aus dem leistungsorientierten Turnen gesammelt werden. Hierfür ist eine große Anzahl (ehemalige) Athlet*innen, Trainer*innen, Funktionär*innen sowie Eltern aus allen olympischen- (Gerätturnen m+w, RSG, Trampolin) und World Games (Orientierungslauf, Aerobicturnen, Faustball m+w, Korfball) Sportarten befragt worden. Die Ergebnsse dieser Befragung werden im Frühahr 2022 veröffentlicht.

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