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Team Gerätturnen

"Nie daran gezweifelt, wieder so gut zu sein wie vor Rio“

28.06.2019 09:00

Andreas Toba im Porträt.

Andreas Toba bei den Olympischen Spielen 2016 | Bildquelle: picture alliance
Andreas Toba bei den Olympischen Spielen 2016 | Bildquelle: picture alliance

In den traurigsten Momenten seiner Karriere wurde Andreas Toba zum Helden gekürt. Ein Vorgang, den der Hannoveraner nur schwer nachvollziehen kann. Denn das, was er bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 geleistet hatte, war für ihn ganz normal. Zudem hätte der Nationalturner alles, was daraufhin folgte, Ehrungen, Fernsehauftritte und sogar den Publikums-Bambi, ohne Zögern für einen guten, verletzungsfreien Mehrkampf bei dem Großereignis hergegeben.

Der heute 28-Jährige war damals in der Form seines bisherigen Lebens. Bei den deutschen Meisterschaften in Hamburg hatte der Athlet von Trainer Adrian Catanoiu erstmals den Titel im Sechskampf gewonnen und auch die zweite Olympiaqualifikation in Frankfurt für sich entschieden. Doch sein Auftritt in Brasilien währte nicht lange. Bei einer Doppelschraube vorwärts zog Toba sich während des Vorkampfs am Boden einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu. „Das kann nicht sein – warum jetzt?“, habe er sich gedacht, als ihm klar wurde, dass es vorzeitig vorbei war mit seinem Traum. Doch kurz darauf, als er abseits des Geschehens einen Augenblick für sich allein war, reifte der Gedanke, vielleicht doch noch dazu beitragen zu können, dass sein Team den Sprung ins angestrebte Mannschaftsfinale schaffte. So trat Toba noch einmal am Pauschenpferd an und spulte trotz der Befürchtung, sein Knie vielleicht nicht mehr unter Kontrolle zu haben, seine Übung ab. Ein Kraftakt, der ihm nach Erreichen des Ziels die ungeahnte Popularität einbrachte.

Comeback bei den Europameisterschaften in Stettin

Der Weg zurück war länger und schwieriger, als der Sportler selbst damals hätte ahnen können. Immer wieder wurde er zurückgeworfen, musste sich dreimal operieren lassen und erlitt bei einem Trainingslager mit dem Turn-Team im Februar 2018 in Südkorea am anderen Bein eine Außenband- und Innenmeniskusverletzung, was eine erneute mehrwöchige Pause nach sich zog. Erst bei den Europameisterschaften in diesem Jahr im polnischen Stettin gelang Toba wieder ein Wettkampf, wie er ihn sich wünschte. Als Elfter im Mehrkampffinale meldete sich der Siebtplatzierte von 2013 unter den besten Allroundern des Kontinents zurück.

Dass viele ihn schon abgeschrieben hatten, das betont der zweimalige Olympiateilnehmer, habe ihn besonders motiviert. „Ich selbst habe nie daran gezweifelt, dass ich es wieder hinbekomme, so gut zu sein wie vor Rio“, sagt er. Und fügt hinzu: „Vielleicht noch besser.“

„Ich selbst habe nie daran gezweifelt, dass ich es wieder hinbekomme, so gut zu sein wie vor Rio.“

Andreas Toba

Turnkarriere in die Wiege gelegt

Toba ist eine Kämpfernatur. Das hat er von seinem Vater geerbt. Marius Toba war Mitglied der rumänischen Nationalmannschaft, bevor er 1989 nach Deutschland zog. Ungeachtet zahlreicher Rückschläge vertrat der heute 51-Jährige, der 22 Jahre vor seinem Sohn ebenfalls in Hamburg deutscher Mehrkampfmeister wurde, seine neue Heimat immer wieder auf internationaler Ebene, stand 1996 und 2000 bei den Olympischen Spielen im Ringe-Finale und holte 1996 an diesem Gerät EM-Silber.

In der niedersächsischen Wahlheimat der Eltern geboren, war Sohn Andreas von klein auf in der Turnhalle dabei. „Ich kann gar nicht sagen, wann ich angefangen habe“, sagt er. Für seinen Vater habe immer festgestanden, dass auch er Turner werden würde. „Für mich nicht.“ Doch obwohl er sich beim Fußball oder Tennis ausprobierte, blieb Andreas Toba an den Geräten hängen und reifte zum Leistungssportler. „Als Kind beabsichtigt man das nicht“, sagt der WM-Debütant von 2013. Aber es habe sich immer weiter entwickelt.

Obwohl seine Trainer stets andere waren, begleitete der Vater die Fortschritte, gab wichtige Hinweise und unterstützt den Sprössling bis heute in jeder Hinsicht. Eine feste Zusammenarbeit hätte sich Andreas Toba aber nie vorstellen können. „Er hat das Turnen immer mit nach Hause genommen, und da haben wir uns schnell in die Haare gekriegt.“

„Sein Gerät ist der Mehrkampf.“

Die Zielstrebigkeit haben die beiden gemeinsam. Was Andreas Toba fehlt, ist, wie er es nennt, „ein Ausreißer“ an einem Gerät. „Sein Gerät ist der Mehrkampf“, hat Cheftrainer Andreas Hirsch einmal über sein langjähriges Nationalteammitglied gesagt. Toba nimmt es mit Humor: „Ich war schon im Juniorenbereich der, der alles konnte, aber nichts richtig gut.“ Das habe sich, trotz mittlerweile zweier nationaler Titel an den Ringen, wie ein roter Faden durch seine Karriere gezogen. Natürlich würde der Junioren-EM-Teilnehmer von 2008 es sich anders wünschen, „aber ich habe gelernt, damit klarzukommen“. Zudem macht Toba das Training an allen Geräten Spaß. „Ansonsten käme man schneller an den Punkt, an dem es langweilig wird.“

Gerade die Vielseitigkeit und Verlässlichkeit macht ihn zudem zur Stütze jeder Mannschaft, eine Aufgabe, die Toba auch gerne bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart übernehmen würde. „Ich hoffe, dass ich eine festigende Rolle spielen und dem Team Halt geben kann“, sagt er. Titelkämpfe im eigenen Land seien „etwas ganz Besonderes“. Darüber hinaus geht es für die deutsche Riege um die Olympiaqualifikation für die Spiele 2020 in Tokio. Dafür hat Toba sein Masterstudium in Sportmanagement vorerst auf Eis gelegt. Den Bachelor hatte er 2016 abgeschlossen – in Temeswar. Das Fernstudium in Rumänien habe nicht nur den Vorteil, dass dort in der Nähe ein Großteil seiner Familie lebt. „Ich muss nur zweimal im Jahr zu den Klausuren hinfahren.“ Das lasse sich besser mit dem Sport verbinden als die an anderen Orten geforderten Präsenzphasen. Denn das Turnen steht für Toba im Vordergrund. Vielleicht kann er so auf ganz andere Art noch einmal zum Helden werden.