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Turn-Team Deutschland

DTB-Turnerinnen überraschen mit EM-Bronze

13.08.2022 15:36

Die deutsche Riege muss sich im Teamfinale von München nur Italien und Großbritannien geschlagen geben und sorgt für einen historischen Moment

Turnerinnen holen Bronze | Foto: Minkusimages
Turnerinnen holen Bronze | Foto: Minkusimages

Am Ende flossen die Tränen, und die deutschen Turnerinnen lagen sich überglücklich in den Armen. Im Teamfinale der European Championships von München haben sie am Samstag sensationell Bronze geholt, die erste EM-Medaille überhaupt für die DTB-Bewegungskünstlerinnen in diesem Mannschaftswettbewerb. Die Riege mit den Stuttgarterinnen Kim Bui und Elisabeth Seitz, den Chemnitzerinnen Emma Malewski und Pauline Schäfer-Betz sowie der Kölnerin Sarah Voss musste sich vor Tausenden begeisterter Zuschauerinnen und Zuschauern in der Olympiahalle nach einem starken und stabilen Wettkampf mit 158,430 Punkten lediglich Italien (165,163) und Großbritannien (160,564) geschlagen geben.

Sarah Voss hatte mit einem schönen Jurtschenko mit Doppelschraube am Sprung den erfolgreichen Schlusspunkt beim Auftritt der Gastgeberinnen gesetzt. "Ich glaube, man hat mir angesehen, dass ich da alles auf einmal gefühlt habe: Erleichterung, Freude, Begeisterung", sagte die 22-Jährige. "Vom ersten Schritt bis zur Landung hatte ich das Gefühl, dass mein Team mich da durchschreit und über den Tisch schweben lässt."

"Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, aber die Medaille ist da", erklärte Kim Bui, die nach diesen Titelkämpfen ihre lange sportliche Karriere beenden wird. "Das schönste Gefühl ist zu wissen, dass wir das als Team geschafft haben. Wir haben uns gemeinsam durch diesen Wettkampf getragen und konnten uns nicht vorstellen, dass am Ende dieser EM eine Teammedaille für uns herausspringt."

"Dass wir zusammengehalten haben vom Anfang bis zum Ende und uns durch jede einzelne Übung gepusht haben", war auch für Elisabeth Seitz der Knackpunkt für den bislang einzigartigen Erfolg. "Jede wusste, was sie zu tun hat", ergänzte Pauline Schäfer. "Wir waren im Fokus, und trotzdem wusste jede, dass das Team ihr den Rücken stärkt. Am Ende zu wissen, es hat funktioniert, hat mich unglaublich stolz gemacht für das Team."

"Es ist einfach nur unglaublich, mit dieser Stimmung und hier in München, noch einmal diesen Wettkampf und jetzt diese Medaille zu haben", betonte Emma Malewski, die nach ihrem EM-Debüt zu Corona-Zeiten 2021 in Basel zum ersten Mal vor einer so großen Kulisse ihr Können zeigte. 

"Ich freue mich sehr für die Turnerinnen und ihre Heimtrainer", sagte der neue Cheftrainer Gerben Wiersma, der in der bayerischen Hauptstadt seine Premiere in dem Amt feiert. "Wir hatten keinen leichten Weg. Pauline konnte die zweite EM-Qualifikation nicht turnen, und wir mussten entscheiden, ob wir sie trotzdem mit ins Team nehmen. Sarah hatte Probleme mit der Wade. Aber wenn alles im richtigen Moment passt, das ist es, was ich am Topturnen am meisten mag."

Nur ein Sturz in der Wertung

Gemäß der Setzung nach den Resultaten in der Qualifikation, als sie Vierte wurde, musste die DTB-Formation am Stufenbarren beginnen. Anders als im Vorkampf wurde ohne Streichwert geturnt, und an jedem Gerät starteten nur drei Turnerinnen pro Nation. So kam jeder Fehler in die Wertung. Doch die Gastgeberinnen erlaubten sich nicht viele. Kim Bui (13,433/5,6) musste einmal bei einer Riesenfelge die Beine anziehen, ansonsten kamen sie, Nesthäkchen Emma Malewski (13,10/5,0) und die frühere WM-Dritte an diesem Gerät, Elisabeth Seitz (14,30/6,0), sehr gut durch ihre Übungen. Das bedeutete mit 40,833 Punkten vorerst den dritten Platz im Zwischenklassement hinter Italien (41,566) und Großbritannien (41,366). Frankreich (40,332), ebenfalls zuerst an den beiden Holmen, lag in Lauerstellung auf dem vierten Rang.

Im zweiten Durchgang zeigte die Konkurrenz aus Großbritannien, aber vor allem Frankreich Schwächen, während die Deutschen den Balanceakt auf dem Schwebebalken bravourös meisterten. Emma Malewski (12,70/5,0) als Starterin hatte zwar einige größere Wackler, doch Sarah Voss (13,50/5,6), die im Vorkampf noch beim Abgang gestürzt war, und die WM-Zweite Pauline Schäfer (13,733/5,5) beeindruckten mit souveränen Vorträgen und verteidigten den dritten Platz.

Das Publikum in der Olympiahalle pushte das eigene Team weiter, und die deutschen Turnerinnen selbst forderten immer wieder mit motivierenden Gesten noch mehr Anfeuerung ein. Doch auch sie waren nicht vor Missgeschicken gefeit. Nach einer schönen Darbietung von Schäfer (12,433/4,6) fiel Voss (11,266/4,9) am Boden bei ihrem Doppelsalto gebückt in der letzten Bahn nach hinten und aus der Fläche heraus. Die Kölnerin hatte schon im Vorfeld mit Wadenproblemen zu kämpfen und hatte im Vorkampf ihr Programm deshalb heruntergeschraubt. Diesmal riskierte sie wieder mehr. Kim Bui (13,033/5,3) gelang danach ihre allerletzte Bodenübung auf der Turnbühne glänzend, und mit Tränen in den Augen winkte sie den Zuschauerinnen und Zuschauern zu, von denen viele die langjährige Nationalturnerin mit Standing Ovations ehrten. Am Sonntag wird sich die 33-Jährige im Barrenfinale endgültig verabschieden.

Der Sprung brachte die Entscheidung, und hier sollte sich der erhöhte Einsatz von Sarah Voss bezahlt machen. Nachdem Kim Bui und Elisabeth Seitz ihre einfach geschraubten Jurtschenko-Sprünge sauber in den Stand gebracht hatten, wagte die Aktivensprecherin ihre Rondat-Variante mit Doppelschraube, und als sie diese sauber stand, gab es in der Halle kein Halten mehr.