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Team Gerätturnen

'Perfektion, die nie erreicht werden kann'

12.08.2019 18:58

Kim Bui im Portrait

Kim Bui | Bildquelle: Cheng
Kim Bui | Bildquelle: Cheng

Kim Bui ist Realistin. „Im Turnen“, sagt die 30-Jährige, „geht es um Perfektion, die nie erreicht werden kann.“ Damit erklärt die Tübingerin gleichzeitig, warum sie schon so lange so viel in ihre Leidenschaft investiert und sich immer wieder neu zu motivieren vermag. „Es geht immer noch schöner“, sagt sie. Das gebe einem das Gefühl, dass man sich stets weiter verbessern kann.

In ihrem Sport gelten Karrieren allerdings als eher kurzlebig. Wie Bui schon seit eineinhalb Jahrzehnten in der internationalen Szene vorne mitzumischen, stellt eine Ausnahme dar. Eine Heim-Weltmeisterschaft gleich zweimal zu erleben, gelingt noch viel seltener. Die Tochter einer Vietnamesin und eines Laoten hat es jedoch geschafft. Auch wenn sie bei der vorangegangenen Weltmeisterschaft 2007 in Stuttgart nur Ersatzfrau war. Doch die Atmosphäre damals in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle zu erleben, die Begeisterung der heimischen Fans zu spüren, das hat die seit dem Bau des Kunstturnforums im Neckarpark trainierende Sportlerin nicht vergessen.

Die Rückkehr in die nahe gelegene Arena ist für sie denn auch etwas ganz Besonderes, was sie auf keinen Fall hätte verpassen wollen. Doch obwohl sie selbst erst daran geglaubt hatte, als sie den Nominierungsvorschlag vor sich sah, bestanden an anderen Stellen doch wenige Zweifel an ihrem Dabeisein in der Riege des Deutschen Turner-Bundes (DTB). Denn die routinierte Team-Seniorin ist aus der Mannschaft nicht wegzudenken, gilt als verlässliche Stütze und als Halt gerade auch für die Jüngeren. Seit mittlerweile zehn Jahren engagiert sich Bui auch als Athletensprecherin. „Es ist wichtig, jemanden zu haben, der sich vor die anderen stellen kann“, sagt sie. Das erfordert Selbstbewusstsein, das sie selbst schon allein durch ihre Erfahrung auszeichnet.

Das Standing ist hart erarbeitet. Bui fing „ganz klassisch“ im Kinderturnen an und wurde schon in ihrer Heimatstadt von ihrer heutigen Trainerin Marie-Luise Probst Hindermann betreut. Über das damalige Leistungszentrum in Ruit führte ihr Weg 1999 nach Stuttgart. „Offenbar habe ich mich damals nicht schlecht angestellt“, sagt die kraftvoll-dynamische Turnerin heute. Geübt hatte sie damals überwiegend bei Tamara Khokhlova.

„Ich war nie der Überspringer“, erinnert sie sich. Aber eben eine, die fleißig und zielstrebig war. So empfahl sie sich 2003 für das European Youth Summer Olympic Festival in Paris und 2004 für einen Einsatz bei den Junioren-Europameisterschaften in Amsterdam. „Es hat mich stolz gemacht, dort Deutschland zu repräsentieren und den Adler auf dem Anzug zu tragen.“ Davon wollte sie mehr spüren.

2005 verbrachte Bui ihr erstes Seniorinnenjahr, und obwohl sie die Europameisterschaft in Debrecen verpasste, durfte sie dank einer Wildcard mit zur Weltmeisterschaft nach Melbourne fliegen. Doch nach diesem ersten Höhenrausch folgten bald Rückschläge. Nach der WM 2007 schaute sie auch bei den Olympischen Spielen ein Jahr später nur von der Tribüne aus zu. „Das hat wehgetan“, sagt sie rückblickend. Aber es seien auch lehrreiche Erfahrungen gewesen, die sie weiter antrieben. So sollte 2009 ihre bis dahin erfolgreichste Saison werden, unter anderem mit dem Mehrkampftitel auf nationaler Ebene beim Deutschen Turnfest in Frankfurt sowie einer Finalteilnahme am Sprung bei den Europameisterschaften in Mailand. Dem Aufwärtstrend setzte diesmal ein Kreuzbandriss im linken Knie ein jähes Ende. Es sollte er erste von nunmehr zweien sein.

Wieder war Buis Geduld und Wille gefragt. Das funktionierte so gut, dass sie bei der EM 2011 mit einem Paukenschlag aufwarten konnte und am Stufenbarren Bronze gewann. Ein Jahr später erfüllte sich dann in London der Traum von der ersten von bislang zwei Olympiateilnahmen. Ein erneuter Kreuzbandriss 2015, diesmal rechts, konnte nicht verhindern, dass sie auch in Rio dabei war und neben weiteren WM-Teilnahmen bei kontinentalen Titelkämpfen immer wieder in die  Geräteentscheidungen an Barren und Boden einzog.

Die Entwicklung, die das Turnen in den vielen Jahren vollzog, konnte sie nicht ignorieren. Elemente wie den gestreckten Doppelsalto am Boden, den sie heute beherrscht, habe sie sich in ihren Anfangszeiten schwer für sich vorstellen können. Doch auch wenn Bui viel von ihrem langjährigen Können profitiert und nicht mehr so viel üben muss wie Jüngere, um ein stabiles Leistungsniveau abzurufen, „musste ich meine Übungen natürlich immer wieder ändern“.

Nicht nur in ihrem Sport ist die Athletin, die mittlerweile wieder bei Probst-Hindermann und bei Robert Mai trainiert, gut organisiert. Für ihre berufliche Zukunft hat sie sich kein einfaches Studium ausgesucht. Die Technische Biologie erfordert es, dass sie außer im Hörsaal und am Schreibtisch auch viel Zeit im Labor verbringt. „Ich habe ein gutes Zeitmanagement“, erklärt sie. „Vieles geht, wenn die Planung und das Umfeld stimmen.“

Mittlerweile kann sie sowieso besser mit ihren Pflichten jonglieren. Für den Masterabschluss fehlt ihr nur noch die Arbeit. Solange die nicht unter Dach und Fach ist, gibt es auch keinen Grund, die Barrenriemchen an den Nagel zu hängen. So könnte Bui im nächsten Jahr in Tokio ihre dritten Olympischen Spiele mitnehmen, vorausgesetzt, die deutschen Turnerinnen schaffen bei der Heim-WM in Stuttgart die Qualifikation. Auch das würde in diesem Sport eine Ausnahme darstellen. Aber eine solche zu sein, ist Bui längst gewöhnt.