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Prävention sexualisierter Gewalt ist mehr als Chefsache

18.05.2019 16:26

Im Forum Chancengleichheit, das gemeinsam vom DTB und der DTJ am 18. Mai ausgerichtet wurde, tauschten sich Landesturnverbände, die Deutsche Sportjugend und weitere Interessierte zum Thema Prävention sexualisierter Gewalt aus.

Fishbowl-Diskussionsrunde | Bildquelle: DTB
Fishbowl-Diskussionsrunde | Bildquelle: DTB

 „Es geht uns alle an“

Dr. Alfons Hölzl begrüßte die Teilnehmenden und rief dazu auf, dass sich jeder Verein und Verband mit diesem wichtigen Thema der Prävention von sexualisierter Gewalt (PSG) beschäftigen muss. Seitens des DTB erwähnte der DTB-Präsident drei Ziele des Forums.

  1. Eine Sensibilisierung für das Thema zu schaffen
  2. Den Handlungsbedarf zu ermitteln
  3. Konkrete Ableitungen für den DTB sowie die DTJ und die Landesturnverbände mit ihren Landesturnerjugenden zu erstellen an den gearbeitet wird.

„Gemeinsam müssen wir uns für den Schutz von Kindern und Jugendlichen einsetzen, Grenzüberschreitungen erst gar nicht entstehen lassen, sodass der Sport als spannendes und spaßiges Kapitel in ihrem Leben gesehen wird", so DTB-Präsident Alfons Hölzl. Die Vorsitzende der Deutschen Turnerjugend, Wiebke Glischinsiki, sprach in der Begrüßung von den Sportvereinen, die einem Ort des Vertrauens, mit familiären Strukturen darstellen, an dem Kinder durch sportliche Aktivität über sich hinaus wachsen. „Aber es besteht immer ein Risiko, dass dieses Vertrauen ausgenutzt wird und dafür müssen wir eine Nulltoleranz Kultur schaffen. Das Thema Prävention sexualisierter Gewalt ist kein Nischenthema, sondern mehr als Chefsache“, so Glischinski.

Die Helden, die das Schweigen brechen

In einem Impulsvortrag von  Dr. Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule Köln, die zwei Studien vorstellte, herrschte nach dem Vortrag solch eine Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen lassen können. Bei der „Safe Sport“ Studie erhielt das Forschungsteam rund 1.800 Rückmeldungen (Ansprache von 7.000 Athletinnen und Athleten aus dem Spitzen- und Freizeitsport), von denen 16 Prozent der Befragten schon einmal sexuelle Gewalt ohne Körperkontakt erfahren haben, 18 Prozent gaben an, sexuelle Gewalt mit Grenzverletzungen ausgesetzt gewesen zu sein und 3 Prozent wurden sexuell missbraucht. In den Studienergebnissen konnten jedoch keine systematischen Zusammenhänge zwischen der Größe des Vereins oder der ausgeübten Sportart festgestellt werden.

In der zweiten Studie „VOICE“ die gemeinsam in sieben Universitäten, sieben Ländern und vier europäischen Sportorganisationen durchgeführt wurde, kommen Betroffene zu Wort, sie erhalten eine Stimme, man hört ihnen zu und versucht die Fälle aufzuarbeiten.

Stimmen der Teilnehmer im VOICE-Projekt:

„Was in der Umkleide passiert, bleibt in der Umkleide“.

„Man wird von einem lachenden, lebendigen, sportbegeisterten Kind, das sich auf Abenteuer gefreut und von Erfolgen geträumt hat, zu einem betonfüßigen, geistesabwesenden, irgendwie funktionierenden Automaten.“

Durch die Betroffenen kann erste eine Aufarbeitung des Geschehens stattfinden. „Der Dank gilt immer den, die sich öffnen und die Geschichte erzählen, sie sind die Helden, die das Schweigen brechen und sich ihren Ängsten, nicht gehört zu werden, stellen“, so Journalistin Andra Schültke vom Deutschlandfunk, die in ihrem Statement dazu aufrief, dass es eine gesellschaftliche Herausforderung und auch Verantwortung ist, diese Themen auch öffentlich zu machen. In ihrem Vortrag zum Thema „#Metoo – von Macht und Missbrauch im Sport aus journalistischer Sicht“ wurde deutlich, wie sensibel das Thema ist und wie wichtig eine gute Vorbereitung wäre, wenn es um die Befragung der Betroffenen in Interviews geht.

Stufenmodell der dsj vorgestellt

Jan Holze (Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, dsj), zeigte mit dem Stufenmodell der dsj die Maßnahmen auf, die in den Sportorganisationen bereits angegangen werden. In der neuen Spitzensportreform (PotAS) ist das Thema PSG ist als ein Attribut fest verankert. „Es ist eine Voraussetzung für den Leistungssport gegenüber den Eltern, dass der Sport oder auch der Leistungssport ein System mit präventiven Maßnahmen bereitstellt", so Holze, der zum offensiven Umgang auffordert: „Wir sollten offensiv mit den Themen umgehen und das Thema kritisch reflektieren. Es ist eine Daueraufgabe, der wir uns alle widmen müssen. Die Politik hat dabei eine wichtige Funktion, nicht nur zu verteufeln, sondern auch zu unterstützen", so Holze.
Seitens der Politik hielt Prof. Dr. Katharina Gerarts in ihrer Funktion als Beauftragte für Kinder- und Jugendrecht der hessischen Landesregierung einen Vortrag und fordert insgesamt in der Politik und Umverteilung von Kompetenzen auf: „Wir müssen dafür sorgen, dass Kinderrechte selbstverständlich sind und wir Kinder mit ihren Persönlichkeiten ernst nehmen“, sagte Gerarts. Das Land Hessen unterstützt den Landessportbund Hessen bereits dort für wichtige Maßnahmen durch finanz. Mittel.

Leitfaden für Vereine und Verbände

Ganz pragmatisch zeigte sich Robert Wagner (ehem. Referent PSG beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen: „Der DTB wäre eine besondere Insel, wenn wir das schon sichergestellt hätten, dass es dort keine Fälle von sexualisierter Gewalt gibt". Der Fairplay-Coach deuetet auch darauf hin, dass sexualisierte Gewalt nicht nur in der Jugend vorkommt, sondern auch im Erwachsenensport Berücksichtigung finden solle.

Wir müssen eine „Kultur des Hinsehens“ schaffen

In der Fishbowl-Diskussion konnten die Teilnehmenden ihre Erwartungen und mögliche Maßnahmen mit unterschiedlichen Personen aus der Sporttruktur austauschen. Im Glas saßen:

  • Kerstin Holze (Vorsitzende der DTJ)
  • Dr. Claudia Pauli (kooptierte Vizepräsidentin Personalentwicklung,Frauen und Gleichstellung)
  • Dr. Britt Dahmen (DTB-Ombudsfau)
  • Marie-Sophie Pulvermacher (ehem. Gerätturnerin)
  • Annemarie Ohl (Vereinsvertretung)

Die DTJ-Vorsitzende, Kerstin Holze, formulierte die Hausaufgaben für die Sportorganisationen klar: „Das realistische Ziel ist eine Kultur des Hinsehens zu schaffen. Das ist eine große Herausforderung. Wenn wir wirklich die Thematik angehen wollen, dann muss der Leistungssport und Kinder- sowie Jugendsport fachübergreifend arbeiten. Darin besteht die strukturelle Aufgabe, Ressourcen und Formate zu schaffen und die Organisationsentwicklung zu betrachten".

Aus Sicht der Umbudsfrau Britt Dahmen gab es auch ein klares Votum: „Wir dürfen nicht anfangen, alle Trainer und Übungsleiter unter Generalverdacht zu stellen, aber das Thema muss mehr in die Strukturen getragen werden und die Menschen sensibilieren."

Prof. Dr. Alfred Richartz der Universität Hamburg erzählte aus der Referentenperspektive, dass die Trainerinnen und Trainer sehr interessiert an dem Thema sind und mehr dafür getan wird, die ehrenamtlichen Strukturen zu stärken, was die Zuwendung, das Engagement und Bedürfnisse zur Prävention sexualisierter Gewalt betrifft.

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung eingerichtet

Auch die Bundesregierung hat sich dem Thema PSG im Sport angenommen. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung.

Sabine Weichert

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