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Sprossenwand - Magazin im DTB

Verband

Erste Maßnahmen umgesetzt und Kulturwandel angestoßen

03.02.2022 15:34

Kultur- und Strukturwandel im DTB – Zwischenfazit ein Jahr Leistung mit Respekt

Kultur- und Strukturwandel im DTB – Zwischenfazit | Bildquelle: iStock
Kultur- und Strukturwandel im DTB – ein Zwischenfazit | Bildquelle: iStock

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat vor einem Jahr das Projekt „Leistung mit Respekt“ ins Leben gerufen. Für die DTB-Verantwortlichen Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen und kritisch zu überprüfen, was der Verband in den letzten zwölf Monaten zur Gewaltprävention im Leistungssport unternommen hat. Welche Ziele wurden erreicht, welche Maßnahmen bereits umgesetzt und wo gibt es noch Handlungsbedarf, um den angestrebten Struktur- und Kulturwandel mit Nachdruck voranzutreiben?

Der DTB hatte bereits in der Vergangenheit eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt in seinen Strukturen entwickelt und eingeführt. Zum Bespiel das im Juni 2020 verabschiedete Präventions- und Interventionskonzept zum Schutz vor Gewalt im DTB, dessen Fokus zunächst auf der Prävention sexualisierter Gewalt lag. Inzwischen steht die Verhinderung jeglicher Form von Gewalt, unabhängig davon, ob sie körperlicher, seelischer oder sexueller Art ist, im Fokus aller Tätigkeiten.

Die Haltung des DTB ist eindeutig: Der gesundheitliche Schutz und die persönliche Entwicklung der Athlet*innen stehen an erster Stelle. Auch auf Grund bekannt gewordener Vorwürfe gegenüber einer Trainerin stellte sich die DTB-Führung die Frage, ob man diesem Anspruch auf allen Ebenen gerecht wird, welche Versäumnisse es in der Vergangenheit in diesem Bereich gab und was zu tun ist, um diese auszuräumen. In Folge dieser kritischen Bestandsaufnahme machte es sich der DTB zur Aufgabe, Veränderungen in seinen Strukturen einzuleiten, aber auch andere Stakeholder des Sport-, Wissenschafts- und Politiksystems einzubinden, um seine Thesen und Forderungen zu untermauern und notwendige Entwicklungen auch außerhalb des Turnsportes anzustoßen.

Denn die Frage, wie der Leistungssport sich verändern muss, damit im Verlauf einer aktiven Karriere das Kindeswohl, die Persönlichkeitsrechte und eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung der Athletinnen und Athleten jederzeit gewährleistet und was die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft wert ist, kann nicht der DTB bzw. die Sportverbände allein beantworten, sondern bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses und der politischen Unterstützung.

Neben sportpolitischen Maßnahmen und strukturellen Veränderungen an den Bundesstützpunkten war und ist vor allem die Veränderung des Mindsets und der Haltung aller Beteiligten des Systems ein großes Anliegen des DTB. Eine offene und konstruktive Haltung, die Berücksichtigung unterschiedlicher Sichtweisen und ein partizipatives Vorgehen, das alle Anspruchsgruppen mit einbezieht, sind handlungsleitend, um im Prozess „Leistung mit Respekt“ die Situation der Athlet*innen ebenso wie die der Trainer*innen nachhaltig zu verbessern. Dies geht nur im Dialog mit vielen Menschen. Deshalb wird das Vorhaben Leistung mit Respekt in verschiedenen Fort- und Weiterbildungen, Konferenzen und Sitzungen thematisiert und auf Foren diskutiert. Das zweite Forum Leistung mit Respekt findet am 02.04.2022 in Frankfurt am Main und online statt.
Weitere Informationen hierzu gibt es in Kürze auf der Website des DTB.

Was sind nun die konkreten Ergebnisse und Erkenntnisse der bisherigen Arbeit im Prozess „Leistung mit Respekt“?

1. Erste Prämisse war die Einbindung aktiver wie ehemaliger Athlet*innen und des unmittelbaren Umfeldes, um anhand der Erfahrungsberichte etwaige Missstände und Verbesserungspotentiale zu identifizieren.
Im September und Oktober 2021 fand dazu eine deutschlandweite Befragung von Trainer*innen, Funktionär*innen, (ehemaligen) Athlet*innen und Eltern der vier olympischen Sportarten sowie der World Games Sportarten statt. Im Fokus standen die Themen aktuelles Wohlbefinden, aktuelle Zufriedenheit mit der eigenen Situation, aktuelles Klima im und um das Training herum, Erfahrungen bzw. Beobachtungen psychischer Gewalt sowie Erwartungen an den DTB in der Zukunft. Mit über 4.000 Teilnehmenden weist die Befragung eine starke Beteiligung auf. Die Ergebnisse werden im Rahmen des 2. Forums Leistung mit Respekt am 2. April 2022 vorgestellt. Ein regelmäßiger persönlicher Austausch mit ehemaligen und aktiven Athlet*innen gewährleistet zudem ein direktes Feedback, dass direkt in die Ausbildungskonzeption einfließt und der stetigen Weiterqualifizierung der Trainer*innen dient. Diskutiert wird noch, ob dieses Format in Form eines Betroffenenbeirates verstetigt werden soll.

2. Der DTB hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Athlet*innen noch mehr in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen. Der gesamte Trainingsprozess mit dem Ziel, international konkurrenzfähig zu sein, soll so gestaltet werden, dass vom Beginn bis zum Ende der Karriere das Kindeswohl und die Persönlichkeitsrechte und -entwicklung der Athlet*innen gewährleistet sind.
Dazu wird der Prozess „Leistung mit Respekt" von übergeordneten Gremien eng begleitet und beraten. Trainer*innen der olympischen Sportarten, (ehemalige) Athlet*innen, externe Expert*innen, Vertreter*innen aus der Wissenschaft und der ministerialen Verwaltung sowie Funktionär*innen des DTB besetzen den Beirat und die Steuerungsrunde. In sieben begleitenden, interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppen wurden zudem zentrale Themenfelder fokussiert, die aktuelle Situation analysiert und Vorschläge für konkrete Maßnahmen zur Verbesserung entwickelt. Teilweise befinden sich diese auch schon in oder kurz vor der Umsetzung. Dazu gehört unter anderem die Entwicklung eines Trainer*innen-Leitbildes mittels eines partizipativen Prozesses oder die Entwicklung von Best-Practice-Beispielen zum Ausbau regionaler Netzwerkstrukturen zum Schutz vor Gewalt. Über den aktuellen Sachstand der einzelnen Arbeitsgruppen wird in einem verbandsinternen Newsletter regelmäßig berichtet, der auch auf der DTB-Website veröffentlicht ist.

3. Der Austausch mit anderen Institutionen, die sich dem Schutz vor interpersonaler Gewalt verschrieben haben, ist ein wichtiger Baustein.
Im November 2021 konnte das Projekt „Leistung mit Respekt“ im Rahmen des dsj Forums „Safe Sport“ vorgestellt werden. Innerhalb des Projekts „Aufarbeitung sexualisierter Belästigung und Gewalt in Sportverbänden und -vereinen“ von DOSB und dsj beteiligt sich der DTB an der Entwicklung von Leitlinien zur Aufarbeitung für Sportverbände und -vereine.

4. Die Strukturen und Prozesse der Bundesstützpunkte (BSP) werden intensiv betrachtet, überprüft und vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung durchleuchtet.
Im Zuge der Überprüfung der Strukturen und Prozesse an den BSP, die vorrangig im Verantwortungsbereich der AG Bundesstützpunkte liegt, wurden die Themen „Athleten- und Erziehungsberechtigtenmanagement“, „Personal“, „Internat und Schule“, „Klärung der Verantwortlichkeiten“ und „Zusammenarbeit OSP, LSB, DTB, LTV“ als maßgeblich definiert. In diesen Themengruppen wurden konkrete Verbesserungsmaßnahmen sowie Leitfäden und Orientierungshilfen erarbeitet. Unter anderem sind dies Kommunikations- und Gesprächsleitfäden, Standards für ein gelingendes Aufnahmeprozedere an einem BSP oder Vorgehen beim Ausscheiden aus dem Leistungssport. Diese standardisierten Prozesse sollen ab dem 2. Quartal ausgerollt und an allen Stützpunkten Geltung haben. Des Weiteren wurden allgemeine Vorgaben für Elterngespräche definiert und an den ersten Stützpunkten regelmäßige Elternsprechtage eingeführt, um diesbzgl. die Kommunikation zu verbessern.

5. Die Aufgabenteilung und Kompetenzabgrenzung zwischen Anstellungsträger und Spitzenverband, welche nicht immer ein und dieselbe Institution sind, muss bei zukünftigen Anstellungsverhältnissen klar geregelt sein.
Hierfür wurde für Trainer*innen mit klarem Fokus auf die Betreuung von Bundeskaderathlet*innen in Abstimmung mit dem DOSB und dem Bund die Zielrichtung abgestimmt, diese ins Anstellungsverhältnis beim Spitzenverband zu bringen. An den BSP Berlin (Gerätturnen männlich) und seit Ende 2021 in Chemnitz (Gerätturnen weiblich) sind erste Stellen dieser Art umgesetzt, weitere sollen folgen.

6. Der DTB erachtet es darüber hinaus als erforderlich, eine unabhängige Struktur zum Schutz vor Gewalt zu institutionalisieren und befindet sich dafür auch im Austausch mit nationalen Stakeholdern, der Politik sowie internationalen Turnverbänden.
Der Impuls von Athleten Deutschland [PDF] und die Forderung des DTB, eine solche Einrichtung sportartübergreifend auf Bundesebene zu installieren, ist mittlerweile im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verankert. Das Bundesministerium des Innern und für Heimat hatte im vergangenen Jahr zudem eine Machbarkeitsstudie bei Prof. Martin Nolte in Auftrag gegeben, diese wurde Mitte Januar veröffentlicht. Der DTB begrüßt, dass auch die Machbarkeitsstudie zum Schluss kommt, dass es unabdingbar sei, ein unabhängiges Zentrum für Safe Sport für Leistungs- und Breitensport auf den vorhandenen Strukturen des organisierten Sports aufzubauen. Wichtig dabei ist zudem, dass alle Formen der Gewalt in den Fokus genommen werden und die Berechnung der Kosten und Finanzierung des Zentrums für Safe Sport valide sind. Hier gibt es aus Sicht des DTB noch wesentlichen Nachbesserungsbedarf. Bei der Konferenz der Spitzenverbände des DOSB wurde im vergangenen Jahr beschlossen, zu Fragestellungen der Etablierung eines Zentrums für Safe Sport einen Stakeholderprozess aufzusetzen, der nun von der neuen DOSB-Führung unmittelbar angegangen wird.

7. Der DTB setzt sich gemeinsam mit anderen Nationen auf internationaler Ebene dafür ein, das Startalter für Wettkämpfe von derzeit 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. Gleichzeitig tritt der DTB dafür ein, die Wertungsvorschriften (Code de Pointage) des Weltverbandes FIG im Nachwuchsleistungssport den biologischen Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen sowie das Startalter für internationale Meisterschaften im Juniorinnenbereich anzupassen.
In der „AG Wettkampfprogramm“ wurden entsprechend für alle olympischen Sportarten des DTB bis Ende 2021 neue Grundsätze für das Wettkampfprogramm im Nachwuchsbereich erarbeitet. Für das Jahr 2022 wurden bereits neue sportartspezifische Pflichtübungen im Gerätturnen männlich und weiblich erarbeitet und veröffentlicht. Flyer Grundsätze Wettkampfprogramm Nachwuchs [PDF]

8. Die Entwicklungen im Kinder- und Jugendbereich zeigten, dass durch große räumliche Entfernungen zum Elternhaus das Kindeswohl nicht immer vollumfänglich gewährleistet werden kann.
Die Fortschreibung des Stützpunktkonzeptes insbesondere unter Berücksichtigung des Nachwuchsbereiches hat im olympischen Zyklus höchste Priorität. Ziel ist, den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen im Nachwuchsleistungssport spezieller gerecht zu werden und ihnen die Möglichkeit zu bieten, näher an ihrem Zuhause und damit näher an Familie und Freunden zu trainieren. Der DTB wird dieses Thema auch in den Diskussionen mit dem DOSB und dem Bund weiter vertiefen und seine Forderungen einbringen. Den Besonderheiten des Turnsports und des jungen Trainingsalters der Athlet*innen muss seitens der Politik und des DOSB endlich Rechnung getragen werden.

9. Der DTB setzt sich dafür ein, dass Athlet*innen eine angemessene Zeit zur Genesung und für notwendige Auszeiten ermöglicht wird, ohne die Förderung und einen Kaderstatus zu verlieren.
Diese notwenige Maßnahme, um eine zu frühe, gesundheitsschädliche Wiederaufnahme des Trainings sowie daraus resultierende, vorzeitige Karriereabbrüche zu vermeiden, wird im Rahmen der Kadernominierung behandelt. Hier wurden die Perspektiven der Athlet*innen der olympischen Sportarten des DTB für das Jahr 2022 individuell diskutiert und bewertet. Dabei haben auch verletzte Athlet*innen trotz verpasster Kadernormen bei vorliegender Perspektive weiterhin einen Kaderstatus erhalten können. Auf Vorschlag der verantwortlichen Bundestrainer*innen berät und entscheidet über die Kadernominierung der Lenkungsstab der jeweiligen Sportart, dem u.a. auch die Aktivensprecher*innen angehören.

Wie geht es weiter im Kultur- und Strukturwandel?
Das 2. Forum „Leistung mit Respekt“ am 2. April 2022 soll dazu genutzt werden, um gemeinsam mit allen Interessierten den Prozess und die Ergebnisse aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und den dort gewonnenen Input in den weiteren Verlauf des Kultur- und Strukturwandels mitzunehmen. Anschließend werden die jeweiligen Arbeitsgruppen in die letzte Arbeitsphase eintreten und im November 2022 wird im Rahmen des DTB-Hauptausschusses der "Endstand" von Leistung mit Respekt festgehalten und Resümee gezogen werden.
Die Abschlussphase soll darüber hinaus das Fundament für eine langfristige Säule zur Verstetigung des Kulturwandels bilden. Denn ein Kulturwandel lässt sich nicht binnen eineinhalb Jahren herbeiführen – aber ein Anfang ist gemacht und dieser Prozess wird auch nach Ende 2022 fortgesetzt!

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