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Die Turnbewegung während der Zeit der Nationalsozialisten

,Eine offene Aufarbeitung der NS-Geschehnisse, im Zusammenhang mit der Rolle der Turnbewegung darin, ist dem DTB seit vielen Jahren ein sehr wichtiges Anliegen. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, dazu gehört auch die Rolle von Friedrich Ludwig Jahn, ist ein fester Bestandteil der Verbandspolitik des DTB, seiner Landesverbände und seiner Gremien.'

Von Michael Krüger

Das im Titel genannte Zitat stammt aus einem Brief des Führers der Deutschen Turnerschaft, des Philologen und Turnlehrers Dr. Edmund Neuendorff vom 16. Mai 1933 an den „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler, indem er ihn zum Deutschen Turnfest im Juli des Jahres nach Stuttgart einlud und ihm versicherte, „dass die Deutsche Turnerschaft sich unter Ihrer Führung Seite an Seite neben SA und Stahlhelm stellt, und dass sie unter Ihrer Führung Schulter an Schulter mit SA und Stahlhelm den Vormarsch ins Dritte Reich antritt“.1

Über diesen Brief und diesen Satz ist in der Turn- und Sportgeschichte viel geschrieben und gesagt worden. Er gilt als Paradebeispiel für den Kniefall der bürgerlichen deutschen Turn- und Sportbewegung vor den Nationalsozialisten und ihrem Führer Adolf Hitler. Am 30. Januar 1933, dem „Tag von Potsdam“, war Hitler vom greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Mit der Verabschiedung des so genannten Ermächtigungsgesetzes vom 23. März 1933 durch den Reichstag war seine politische Macht in Deutschland absolut. Dieses Gesetz war nicht mehr regulär zustande gekommen. Vor der Abstimmung wurden alle möglichen Gegner ausgeschaltet. Politisch war damit die „Machtergreifung“, wie die Nationalsozialisten diesen Prozess der Abschaffung der Weimarer Demokratie und der Einführung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland nannten, abgeschlossen.

Gesellschaftlich war die Macht aber noch nicht gesichert. Die Nationalsozialisten versuchten so rasch und umfassend wie möglich alle gesellschaftlichen Organisationen und Gruppen „gleichzuschalten“. Der Begriff der „Gleichschaltung“ wurde von den Nationalsozialisten selbst geprägt und im Sinne ihrer politischen Strategie benutzt. Er bedeutete zum einen die Ausschaltung aller politisch-oppositioneller Gruppen und zum anderen die Übernahme der Macht bzw. „Führung“ durch Nationalsozialisten in allen gesellschaftlich relevanten Organisationen wie politischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Universitäten, Schulen, Jugendeinrichtungen, Kulturorganisationen und auch in den Turn- und Sportvereinen und -verbänden.

Da die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung zu den Nationalsozialisten und ihrer Politik Anfang 1933 groß war, fiel den Nationalsozialisten diese Gleichschaltungspolitik nicht sonderlich schwer, weil führende Repräsentanten in den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen ohnehin der nationalsozialistischen Bewegung mehr oder weniger verbunden waren. Man spricht deshalb auch von „Selbstgleichschaltung“, wenn sie sich freiwillig und im vorauseilenden Gehorsam den Nationalsozialisten unterwarfen.

Dies war auch bei Edmund Neuendorff und der Deutschen Turnerschaft der Fall. Der Sportpädagoge und Sporthistoriker Hajo Bernett (1983) bezeichnete das Verhalten der DT und Neuendorffs als „Selbstgleichschaltung der Deutschen Turnerschaft“, während etwa Joseph Göhler, viele Jahre Kulturwart, stellvertretender Vorsitzender und Vizepräsident des im Jahr 1950 neu gegründeten Deutschen Turner-Bundes (DTB) behauptete, dass keineswegs die gesamte Deutsche Turnerschaft bereit gewesen sei, unter der „Führung“ Adolf Hitlers den „Vormarsch ins Dritte Reich“ anzutreten, wie dies Edmund Neuendorff in seinem (aus unserer heutigen Sicht) unsäglichen Brief geschrieben hatte, sondern dass es im Grunde nur Neuendorff selber und mit ihm einige überzeugte Nationalsozialisten in der Deutschen Turnerschaft gewesen seien, die die Führung in der DT an sich gerissen hätten, ohne für die Mehrheit der Turner in der Turnerschaft sprechen zu können (Göhler, 1973).

Wer von beiden, Bernett oder Göhler, Recht hat, diese Frage lässt sich weder heute, noch ließ sie sich jemals eindeutig beantworten. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte; denn die Deutsche Turnerschaft war keine politische Partei und auch kein straff organisierter Verband, in dem es möglich gewesen wäre, ein Meinungsbild über die politische Einstellung der Mitglieder zu erstellen. Dies war auch nicht die Aufgabe des Verbandes. Er sollte und wollte vielmehr die turnerischen Interessen der Menschen in den Turn- und Sportvereinen vertreten, d.h. schöne Turnfeste organisieren, eine gute Vorturnerausbildung auf die Beine stellen, für ein breites und qualitativ hochwertiges Angebot an Gymnastik, Turnen, Bewegung, Spiel und Sport für möglichst viele Menschen, Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen, Ältere, Versehrte usw. sorgen.

Das tat die DT nach besten Kräften und mit großem Erfolg, und darum bemühten sich auch die Vereine der DT, die im Übrigen intensiv mit der Konkurrenz anderer Turn- und Sportanbieter zu kämpfen hatten: Die Spiel- und Sportvereine, besonders Fußball, Arbeiter- Turn- und Sportvereine, christliche und weltanschauliche Turn- und Sportorganisationen, schließlich freie Vereine und Verbände der Körperkultur-, Gymnastik- und Tanzbewegung sowie der Jugendbewegung. Sie alle machten es der DT schwer, die Nr. 1 unter den Sportanbietern jener Zeit zu bleiben.

Laut §2 der Satzung der DT sollte und durfte die Politik keine Rolle in der Turnerschaft spielen. Jeder erwachsene Mensch in Deutschland durfte unabhängig von seiner politischen Auffassung und sozialen Stellung selbstverständlich Mitglied in einem Turnverein der Deutschen Turnerschaft sein und werden. Tatsächlich war es jedoch so, dass die DT-Führung seit jeher und speziell zur Zeit der Republik von Weimar, also von 1918 bis 1933, eher konservative und national-liberale politische Positionen vertrat. Sozial gesehen vertrat die DT die Mittelschicht, ihre Mitglieder kamen aus der „Mitte der Gesellschaft“, wie man heutzutage sagen würde, waren in der Mehrzahl Handwerker, Arbeiter, kleine und normale Leute. Wegen der politisch betont rechten, nationalistischen Ausrichtung des Dachverbandes der Turnvereine, der DT, waren jedoch auch zahlreiche Arbeiter und linksintellektuelle Turner aus DT-Vereinen ausgetreten, die eher mit den politischen Auffassungen der Arbeiter-Turn- und Sportorganisationen sympathisierten, die den sozialdemokratischen oder sozialistischen und kommunistischen Parteien nahe standen. Da manche Turnvereine von diesen politischen Streitereien genug hatten, schlossen sie sich zu einem politisch neutralen „Allgemeinen Deutschen Turnerbund“ zusammen.

Der 1950 gegründete „Deutsche Turner-Bund“ (DTB) verstand sich als neuer Turnverband in Deutschland, in dem alle Richtungen der früheren Turnbewegung aufgehen konnten und sollten. Mit Politik wollte man nichts mehr zu tun haben.

Der Brief ist im Jahrgang 1933 der Deutschen Turn-Zeitung (DTZ), hier S. 429, dokumentiert.

 

Die Turn- und Sportbewegung zur Zeit der Weimarer Republik war wie die gesamte deutsche Gesellschaft politisch und sozial tief gespalten und zerstritten. Obwohl es im sportpolitischen Alltag durchaus Gemeinsamkeiten und konstruktive Zusammenarbeit gab – z. B. zwischen den Dachverbänden des bürgerlichen Sports, dem DRA, und des Arbeitersports, der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege sowie zwischen einzelnen Sport-Fachverbänden und der Deutschen Turnerschaft –, wurden auch Turnen und Sport in die sozialen und politischen Konflikte der Weimarer Gesellschaft hineingezogen.

Fest steht jedoch, dass sich die Deutsche Turnerschaft durch ihren Führer Edmund Neuendorff am frühesten und deutlichsten von allen anderen Turn- und Sportorganisationen zur „nationalen Erhebung“ der Nationalsozialisten bekannte. Er leitete das dunkelste Kapitel der Geschichte der deutschen Turn- und Sportbewegung ein.

Neuendorff stand nicht allein. Vieles deutete daraufhin, dass der in Vereinen und Verbänden organisierte Sport und die professionellen Turn- und Sportlehrer der neuen nationalsozialistischen Bewegung eher wohlwollend gegenüberstanden. Tatsächlich war es so, dass einige bürgerliche Turn- und Sportfunktionäre den Nationalsozialisten in die Hände arbeiteten. Nicht nur die Turner um Neuendorff beteuerten ihnen sofort nach der Machtergreifung ihre Sympathie und politische Zuverlässigkeit; auch führende Sportvertreter anderer großer Sportverbände wie Felix Linnemann, Führer des Deutschen Fußball-Bundes (ab 1925) und ab 1934 Leiter des neu geschaffenen „Fachamtes“ Fußball im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL), und Heinrich Pauli, zunächst Führer des Deutschen Ruderverbandes und ab 1934 Leiter des Fachamtes Rudern im DRL.2

Turnen und Sport waren nicht nur Opfer der Nationalsozialisten oder selbstherrlicher Turnführer, wie es etwa Guido von Mengden oder Joseph Göhler nach 1945 hinstellen wollten.3 Sie haben ihren eigenen, keineswegs geringen Anteil an der Machtentfaltung des nationalsozialistischen Regimes geleistet. Ihre Organisationen haben sich vielfach freiwillig und ohne Not den Nationalsozialisten geöffnet. Aber das trifft nicht auf alle zu: Die Arbeiter- Turn- und Sportorganisationen wurden sofort verboten, die kommunistischen Rot-Sportler schon im Frühjahr 1933 brutal verfolgt, die jüdischen Sportorganisationen wurden isoliert, diskriminiert und ab 1939 aufgelöst. Zunächst erhielten die jüdischen Turn- und Sportvereine und -verbände jedoch noch erheblichen Zulauf, weil die meisten bürgerlichen Sportorganisationen so genannte Arierparagraphen einführten und ihre oft langjährigen jüdischen Mitglieder ausschlossen. Die konfessionellen Verbände DJK und Eichenkreuz sahen sich erheblichen Repressalien ausgesetzt und wurden aufgelöst bzw. gleichgeschaltet.

Was geschah mit den konfessionell und weltanschaulich nicht gebundenen Sportverbänden? Der DRA als Dachverband des bürgerlichen Sports, dem alle großen bürgerlichen Turn-, Spiel- und Sportverbände angehörten, wurde ebenfalls schon 1933 aufgelöst. Theodor Lewald, Präsident des DRA und des Organisationskomitees zur Vorbereitung der Olympischen Spiele, war zum Rücktritt gezwungen worden. Die Nationalsozialisten diffamierten das deutsche IOC-Mitglied Lewald, der ein angesehener demokratischer Politiker und Beamter war, als „Halbjuden“, ließen ihn aber im Amt als OK-Vorsitzenden; ebenso wie sie an Diem als Generalsekretär des OK festhielten. Der Vorstand des DRA bekannte sich jedenfalls in einem Telegramm an Hitler zum „gewaltigen Strom nationaler Erneuerung“ (Bernett, 1990, S. 65). Warum der DRA so sang- und klanglos untergehen konnte, hatte auch damit zu tun, dass die bürgerlichen Verbände von Turnen und Sport insgesamt uneinig und gespalten waren. Jeder erhoffte sich Vorteile von einer raschen und untertänig-freiwilligen Anpassung an die Vorstellungen der Nationalsozialisten.

2 Zum Deutschen Fußball-Bund im Dritten Reich liegt eine neue Studie von Havemann (2005) vor.
3 Guido von Mengden war „Stabsleiter des NSRL“ und nach dem Krieg im neu gegründeten Deutschen Sportbund erster hauptamtlicher Geschäftsführer des DSB unter Präsident Willi Daume. Die Haltung der Turner versuchte nach dem Krieg auch Göhler zu erklären und zu verteidigen. Vgl. Göhler, 1973, S. 335; und die Antwort von Bernett in: Deutsches Turnen 21(1973), S. 453.

 

Hitler hatte in seinem Buch „Mein Kampf“ Erziehungsgrundsätze formuliert, die auf den ersten Blick durchaus den Vorstellungen und Wünschen der Turner und Sportler sowie der Turn- und Sportlehrer entsprachen, aber nicht bei genauerem Hinsehen. Die beiden wichtigsten Erziehungsziele, um die es Hitler in diesem millionenfach verbreiteten (aber nur selten gründlich gelesenen) Buch ging, waren „Gehorsam und Opferbereitschaft“, wie von Krockow (2001, S. 87) herausstellt; sie sind „Voraussetzungen für das was wirklich wichtig ist: Herrschaft und Unterwerfung.“ Um sie zu erreichen, wurden auch Leibesübungen, Spiel und Sport in Dienst genommen. Im „völkischen Staat“, hieß es bei Hitler, werde sich die „Erziehungsarbeit“ nicht „auf das Einpumpen bloßen Wissens“ beschränken, sondern wichtiger sei das „Heranzüchten kerngesunder Körper“. Und weiter: ein „körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlussfreudigkeit und Willenskraft“, sei für die „Volksgemeinschaft wertvoller ... als ein geistreicher Schwächling“. In der Schule müsse viel mehr Wert auf die „körperliche Ertüchtigung“ gelegt werden: „Es dürfte kein Tag vergehen, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult wird, und zwar in jeder Art von Sport und Turnen“ (in Bernett, 1966, S. 20-24).

Selbst wenn sie die Formulierung über das „Heranzüchten kerngesunder Körper“ gestört haben mag, aber viele Turn- und Sportlehrer konnten solchen Ansichten und Forderungen zustimmen. Schließlich hatten sie sich immer für eine Aufwertung des Körperlichen in der Erziehung und im Kulturleben eingesetzt. Schließlich waren die Turner schon immer ausgesprochen national eingestellt gewesen und hatten sich stets für ein auch körperlich erstarktes deutsches Volk eingesetzt; und auch der Sport in Deutschland war durch die „Germanisierung“ oder Nationalisierung der Sportidee ideologisch auf den neuen nationalsozialistischen Staat vorbereitet. Leibesübungen, Turnen und Sport wurden als Mittel angesehen, die Schwäche und Erniedrigung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg zu überwinden.

Aber was weder die Intellektuellen noch die Vertreter der Turn- und Sportbewegung erkannten, war, dass dieses ausschließlich auf Gehorsam, Opferbereitschaft und Unterwerfung fixierte Programm totalitärer Körpererziehung in der Konsequenz die Zerschlagung der Kinder- und Jugendarbeit in den Turn- und Sportvereinen und damit das Ende der freien Turn- und Sportbewegung insgesamt bedeutete.

Diese Täuschung und Selbsttäuschung trifft besonders auf den selbst ernannten Führer der Deutschen Turnerschaft, Edmund Neuendorff, zu. Als die nationalsozialistische Partei, deren Mitglied Neuendorff im Jahr 1932 wurde, und ihr Führer Adolf Hitler die politische Macht an sich rissen, war Neuendorff begeistert und sah sich am Ziel seiner Träume. Er – und mit ihm viele andere Deutsche – erhofften sich von dieser Regierung eine bessere Zukunft für Deutschland und die Deutsche Turnerschaft. Neuendorff, der schon in seiner Rolle und seinem Amt als „Turnerjugendführer“ Ende der 1920er Jahre alles tat, um die Turnerjugend im nationalsozialistischen Geist zu beeinflussen, ging fest davon aus, dass der Deutschen Turnerschaft (und damit auch ihm selbst) nun mit Hilfe der Nationalsozialisten die Führung des gesamten deutschen Sports praktisch automatisch zufiele, weil er sich ideologisch in engster Nähe zur „nationalsozialistischen Weltanschauung“ wähnte und außerdem die lästigen Konkurrenten – die Arbeiter-, Turn- und Sportorganisationen, die konfessionellen Turn- und Sportverbände und auch der bürgerliche Sport – entweder ausgeschaltet oder zumindest entmachtet schienen. Mit Hilfe der Nationalsozialisten, glaubte Neuendorff, bekämen die Turnfunktionäre endlich die Gelegenheit, Leibesübungen, Turnen, Spiel und Sport neu und im Sinne der Turner ideell auszurichten und praktisch zu organisieren.

Auf der Hauptausschusssitzung der Deutschen Turnerschaft am 8./9. April 1933 übernahm er das Ruder der damals immer noch weltweit größten freiwilligen Organisation für Leibesübungen. Der bisherige Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, Alexander Dominicus, ein angesehener demokratischer Politiker (der DDP), Bürgermeister von Berlin-Schöneberg und DT-Vorsitzender seit 1929, musste sein Amt aufgeben. Neuendorff ließ sich zum neuen „Führer“ der Deutschen Turnerschaft ausrufen. Auf seine Initiative beschlossen die im Hauptausschuss vertretenen Sprecher der Turnkreise und Fachgebiete in der Deutschen Turnerschaft die Umarbeitung der Satzung der DT im nationalsozialistischen Sinn. Es handelte sich praktisch um einen Putsch in der DT; denn die geänderte Satzung wurde nie von einem Turntag, dem satzungsgemäß höchsten Gremium der Deutschen Turnerschaft beschlossen.

Die neue Satzung sah die Einführung des „Führerprinzips“ und des Wehrturnens in den Vereinen vor. Wehrhaftigkeit sollte in Zukunft oberstes Ziel turnerischer Arbeit sein. Außerdem wurde der Ausschluss jüdischer und marxistischer Turner aus den Vereinen verfügt. Neuendorff verkündete, dass bis zum Deutschen Turnfest im Sommer des Jahres 1933 die „Vollarisierung“ der Turnerschaft durchzuführen sei. Die Turnvereine waren zu all dem nicht gefragt worden. Sie hatten sich ab sofort den Weisungen der von Neuendorff eingesetzten Kreisführer zu unterwerfen.

Wie ist es zu erklären, dass die Turner und die Deutsche Turnerschaft, die in der Vergangenheit so viel auf ihr liberales und demokratisches Vereinsleben gegeben hatten, diese alten Grundsätze so schnell und mehr oder weniger freiwillig preisgaben? Sicherlich, national, deutsch und volkstümlich waren sie immer gewesen, aber eben nicht „völkisch“ und „nationalsozialistisch“. Dasselbe trifft auf die Mehrzahl der Sportler und ihre Verbände zu, die Fußballer, Schwimmer, Ruderer, Leichtathleten und Radfahrer, die der Turnerschaft an Unterwürfigkeit und Liebedienerei gegenüber den Nationalsozialisten nicht viel nachstanden.

Viel mag dabei an Neuendorff selbst gelegen haben, der den NS-Strategen die Arbeit abnahm und die Basis der Turner und Turnvereine auch überrumpelte. Ein anderer Grund war das große 15. Deutsche Turnfest, das im Juli 1933 in Stuttgart stattfinden sollte. Es wurde das größte Deutsche Turnfest, das jemals stattgefunden hat. 600.000 Turnerinnen und Turner sowie Besucherinnen und Besucher sollen das Fest erlebt haben. Wie immer war viel Arbeit, Zeit und Geld in dieses große und, wie sich später herausstellen sollte, letzte von der DT organisierte Fest investiert worden. Die Planungen und Vorarbeiten waren längst abgeschlossen, und das Turnfest sollte durch die politischen Ereignisse nicht in Frage gestellt werden. Diese Gefahr war besonders der ausrichtenden Schwäbischen Turnerschaft bewusst. Also scheute man sich nicht vor Kniefällen gegenüber den neuen Machthabern in Deutschland.

Hitler wurde von Neuendorff zum Turnfest eingeladen, und tatsächlich sprach zum ersten Mal in der Geschichte ein Reichskanzler auf einem Deutschen Turnfest. Er ließ sich den Auftritt vor der großen Masse der Turnerinnen und Turner nicht nehmen und hielt eine Rede, in der er sich zu Jahn, dem deutschen Volkstum und dem deutschen Turnen bekannte. Zum ersten Mal mag Hitler bei diesem Turnfest auch erfahren haben, welche propagandistischen Möglichkeiten ein großes, massenhaftes Sportfest mit Tausenden von begeisterten und meist jungen Teilnehmern und Zuschauern bieten konnte. Bei den Olympischen Spielen 1936 wurde das Propagandainstrument Sport bereits perfekt von den Nationalsozialisten beherrscht.

In Stuttgart und unmittelbar danach schien es, dass die Turn- und Sportorganisationen und speziell die Deutsche Turnerschaft fest mit der Unterstützung der Nationalsozialisten rechnen konnten. Und was die anderen, für die meisten sicherlich unangenehmen Punkte der Anpassung an die nationalsozialistischen Prinzipien wie Ausschluss der Sozialisten und Marxisten, „Arierparagraph“ und Ausschluss der Juden sowie die Einführung des „Führerprinzips“ betraf, konnte man das nicht angesichts der ungewöhnlichen Aufwertung des Sports in Kauf nehmen?

So dachten jedenfalls viele Turner und Sportler im bürgerlichen Lager. Sozialdemokraten und Marxisten wurden in den Turnvereinen seit Bismarck ohnehin als „vaterlandslose Gesellen“ bezeichnet; und wenn die lästige Konkurrenz der Arbeiterturn- und Sportvereine ausgeschaltet wurde, war das den Turn- und Sportfunktionären der bürgerlichen Verbände nicht gerade unrecht.

Rassismus und Antisemitismus kannte man allerdings bis 1933 in den Turn- und Sportvereinen in Deutschland nicht. Seit jeher waren Juden Mitglieder in Turn- und Sportvereinen. Aber nun sprach Hitler auf dem Stuttgarter Turnfest ebenso wie der neue Reichssportführer und Turnführer von Tschammer und Osten vom Jahnschen „Volkstum“; Hitler legte in Stuttgart sogar eine Gedenkminute für Jahn ein, und beide benutzten diesen Begriff in ihrem rassistischen und antisemitischen Sinn. Sie vermittelten den Eindruck, als ob der Turnvater Jahn schon immer die arische Rasse gemeint habe, wenn er vom deutschen Volkstum gesprochen hatte; und Juden waren mit dieser NS-Interpretation des Jahnschen Volkstumsgedankens nicht vereinbar. Viele national und nationalsozialistisch gesinnte Vereinsmitglieder distanzierten sich nun plötzlich von den jüdischen Mitgliedern, mit denen sie über viele Jahre zusammen geturnt und Sport getrieben hatten. Für viele mag dies in einzelnen Fällen unangenehm gewesen sein, sie glaubten nun aber in alter Jahnscher Tradition zu handeln.

Ähnliches galt im Hinblick auf die Demokratie im Verein: Sie erschien vielen im Verein nicht mehr so wichtig, als dass man sie nicht einem erhofften Bedeutungs- und Machtzuwachs in der neu zu ordnenden Turn- und Sportlandschaft im neuen Dritten Reich hätte opfern können.

Wenn die Vereinsvorsitzenden nun „Führer“ genannt werden sollten, was würde sich denn damit im Alltag groß ändern? Waren nicht die meisten Vereine froh, wenn sie jemanden gefunden hatten, der sich für solche „Führungsämter“ zur Verfügung stellte - die Personen selber blieben ohnehin häufig dieselben.

Weil sich vieles so ähnlich anhörte, sah es aus, als ob der nationalsozialistische Sport nichts als die zeitgemäße Fortsetzung von Turnen und bürgerlichem Sport des Kaiserreichs und der Weimarer Republik sei. Sie fielen, wie Neuendorff meinte, „dem Führer“ regelrecht als „reife Frucht“ in den Schoß (Bernett, 1981, S. 272). Er sprach deshalb auch vom Nationalsozialismus als der „Zeit der Erfüllung“, die nun für die Leibesübung in Deutschland angebrochen sei (Neuendorff, 1936). Die bisherige Entwicklung der deutschen Leibesübungen schien folgerichtig in der nationalsozialistischen Leibeserziehung aufzugehen: Die Tradition des Wehrturnens und Wehrsports, der Nationalismus und Chauvinismus der bürgerlichen Turner und Sportler, die Formel vom „Sport als Kampf“, die Kraft- und Härtemetaphern, die sich auf biologische und rassische Argumente stützende besondere Körperthematisierung der deutschen Gymnastikbewegung, das Führer- und Gefolgschaftsdenken in einigen Jugendorganisationen, die Faszination der Massen im und am Sport, die von Turnern und Sportlern immer wieder formulierte antirationalistische und antiintellektuelle Zeit- und Kulturkritik, die in der Nachfolge Nietzsches die Gegenwart als eine am Geist erkrankte Zeit bezeichnete.

Es handelt sich hier nicht nur um harte historische Fakten, an denen das Verhältnis von Turnen und Sport zum Nationalsozialismus zu messen wäre. Aber alle diese Punkte geben ein Stück weit die Atmosphäre wieder, die es möglich machte, dass der Übergang in den Nationalsozialismus eher als Kontinuität denn als Bruch mit der Vergangenheit empfunden wurde.

In Wirklichkeit wurde damit jedoch der Sinn von Turnen und Sport in sein Gegenteil gewendet, ohne dass es den Zeitgenossen ausreichend bewusst geworden wäre. Die Tradition der freien, demokratischen und liberalen Turnbewegung in den Vereinen und Verbänden von Turnen und Sport wurde auf den Kopf gestellt und verraten.

Die Nationalsozialisten bekamen plötzlich das Image, dass sie besonders turn- und sportfreundlich eingestellt seien. Aber das war keineswegs der Fall; zumindest meinten sie mit Turnen und Sport nicht dasselbe wie die Turner und Sportler, die sich entweder in ihren Vereinen frei und selbstverantwortlich bei Spiel und Sport treffen oder im Sinne Pierre de Coubertins 1936 in Berlin ein sportlich-olympisches Friedensfest feiern wollten. Die führenden Nationalsozialisten von Hitler über Göring bis zu Goebbels hatten weder geturnt noch irgendeinen Sport getrieben; sie waren im körperlichen und übertragenen, ethischen Sinn unsportlich und hatten keine Beziehung zum Turn- und Sportvereinsleben.

Die Bezeichnung SA als „Turn- und Sportabteilung“, die 1920 bei der Gründung dieser Schlägertruppe der Nazipartei benutzt wurde, war zum einen Tarnung, um der drohenden Auflösung dieser paramilitärischen Partei-Truppe zu entgehen; schon 1921 wurde SA in „Sturmabteilung“ umbenannt. Zum anderen verweist die Bezeichnung jedoch auf die große Bedeutung, die wehrsportliche, aggressive und kampfbetonte Aktivitäten in der SA und in der ganzen NSDAP, während der Kampfzeit und darüber hinaus, gespielt haben.

Was passierte in den Vereinen?

Es lässt sich nicht genau und repräsentativ rekonstruieren, wie die Turnerinnen und Turner in den Vereinen die Beschlüsse des Hauptausschusses der DT bewerteten und umsetzten. Die meisten, insbesondere die Turnerjugend, standen zu Beginn der sogenannten Machtergreifung, wie auch die meisten Deutschen, den Nationalsozialisten durchaus positiv gegenüber; einige, wie Neuendorff, bezeichneten sich sogar als „überzeugte Nationalsozialisten“. Er behauptete, dass praktisch die gesamte Führungsriege der Turnerjugend „nationalsozialistisch“ eingestellt gewesen sei. Aber es gibt keinen Beleg für die Annahme, dass die Turnerinnen und Turner in ihrer Mehrheit stärker oder radikaler nationalsozialistisch oder antisemitisch orientiert gewesen wären als andere Sportverbände oder überhaupt andere Gruppen und Organisationen der deutschen Gesellschaft in den 1930er-Jahren, einschließlich der Arbeiterschaft.

Aus einer Reihe von regionalhistorischen Untersuchungen geht vielmehr hervor, dass der Prozess der Gleichschaltung der Turn- und Sportvereine sehr unterschiedlich verlief (Wedemeyer (2000). S. 180-196). Es gab viele Turn- und Sportvereine, die – zumindest anfangs – den Nationalsozialisten große Sympathien entgegenbrachten. Häufig kam es zur Ablösung der alten Vorstände. Nicht selten putschten sich jüngere, bis dahin eher unauffällige Mitglieder, die aktiv in der NSDAP engagiert waren, an die Spitze der Vereine. Zu widersprechen traute sich dann kaum noch einer, obwohl viele, vor allem ältere, in der Regel nationalkonservativ eingestellte Mitglieder und Vorstände, Vorbehalte gegen die Nationalsozialisten hatten.

Die Zweifler unter den Turnern hielten sich nach dem grandiosen Erlebnis des Deutschen Turnfestes 1933 in Stuttgart noch mehr bedeckt; denn hatte dieses Ereignis nicht allen deutlich vor Augen geführt, dass die Nationalsozialisten auf ihrer Seite standen? Das Auftreten und die Rede Hitlers in Stuttgart schienen die Seelenverwandtschaft zwischen Nationalsozialismus und Turnertum, wie Neuendorff immer wieder behauptet hatte, zu beweisen. Warum sollte man nicht die Beschlüsse des Hauptausschusses der DT umsetzen? Sie hatten doch den Zweck, der neuen politischen Führung die Treue und Zuverlässigkeit der Turner zu demonstrieren; und sie waren sich in ihrer Mehrheit zumindest bis zum Jahr 1935 sicher, dass ihnen dies auch gedankt würde.

Eine besondere Tragödie stellte der so genannte Arierparagraph dar, den die Turnvereine laut Beschluss des Hauptausschusses in den Vereinssatzungen einführen und umsetzen sollten. Antisemitismus war nichts Neues in der deutschen Turngeschichte. Aber bis 1933 hatten sich die DT-Vorstände stets bemüht, dem Antisemitismus in den eigenen Reihen entgegenzutreten. In den 1880er und 1890er Jahren kam es zu einem folgenschweren Antisemitismus-Streit in der DT. 1988 schloss die Deutsche Turnerschaft 12 antisemitische Turnvereine des Turnkreises XV der DT, Deutsch-Österreich, aus der Deutschen Turnerschaft aus. Sie hatten die „Arisierung“ ihrer Turnvereine verfügt, d. h., jüdische Mitglieder ausgeschlossen. Diese Diskriminierung widersprach den Grundsätzen der Deutschen Turnerschaft. Die aus der DT ausgeschlossenen Vereine gründeten daraufhin den antisemitischen Deutschen Turnerbund, dem sich später auch einige Vereine aus anderen Turnkreisen anschlossen. Er war nicht Mitglied der DT (vgl. Becker, 1980).

Die Folge war eine Spaltung der Turnerschaft. Zum einen gab es durchaus Sympathisanten mit den Antisemiten in der DT, und zum anderen traten wegen dieses Streits viele jüdische Mitglieder aus den deutschen Turnvereinen aus und in jüdische Turnvereine ein. Die jüdischen Turnvereine pflegten selbst zunehmend ein nationaljüdisches Bewusstsein, verstanden sich also weniger als deutsche Juden, sondern eher als Nationaljuden, die sich von den deutschen Vereinen abgrenzten, zumal sie befürchten mussten, wegen ihrer jüdischen Herkunft und Religion aus den deutschen Vereinen ausgeschlossen zu werden. 1898 gründete sich der erste nationaljüdische Turnverein „Bar Kochba Berlin“. Dem 1903 ins Leben gerufenen Dachverband der jüdischen Turnvereine gehörten zunächst nur drei Vereine an. „Die Jüdische Turnerschaft“, hieß es in der Satzung des Verbands, praktisch analog zur Satzung der DT, „bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der nationaljüdischen Idee. Unter National-Judentum verstehen wir das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Juden aufgrund gemeinsamer Abstammung und Geschichte sowie den Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten.“4

Die Mitgliederzahlen waren gegen Ende der Weimarer Republik stark angestiegen, obwohl noch immer mehr jüdische Mitglieder in den deutschen als in den jüdischen Turn- und Sportvereinen organisiert waren. Die meisten Juden waren gut in den deutschen Turn- und Sportvereinen assimiliert, zumal gerade in Turnen und Sport nicht Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit eine Rolle spielten, sondern sportliche und turnerische Kriterien wie körperliche Leistungsfähigkeit, Gemeinschaft und Solidarität im Verein oder einfach Freude und Geselligkeit. Hinzu kam folgender Aspekt: „Viele jüdische Deutsche teilten die nationale Weltanschauung, auf der die deutsche Turnbewegung beruhte“, schreibt Friedler (1998, S. 14). „Für sie war es selbstverständlich, als Mitglieder in deutschen Turnvereinen aktiv zu werden. Im alltäglichen Umgang der Turner untereinander hat Antisemitismus anscheinend keine große Rolle gespielt. Anders lässt sich die große Zahl jüdischer Mitglieder in den Vereinen der Deutschen Turnerschaft nicht erklären.“ Gleichwohl wuchs die jüdische Turn- und Sportbewegung in der Weimarer Zeit kontinuierlich, und ab den 1930er Jahren kräftig. Sie differenzierte sich in verschiedene Turn- und Sportvereine und -verbände. Friedler (1998, S. 39) geht in seiner Geschichte der jüdischen Turnbewegung in Deutschland davon aus, dass 1933 etwa 8000 Mitglieder den Makkabi-Vereinen, 7.000 den Turn- und Sportgruppen des Reichsverbandes jüdischer Frontsoldaten und ca. 5.000 dem „Verband Jüdisch-Neutraler Turn- und Sportvereine Westdeutschlands“ (VINTUS) angehörten.

4 Nach Becker, 1995, S. 170.

 

Im Jahr 1933 werden die wenigsten erkannt haben, dass mit den Beschlüssen des Hauptausschusses der DT vom 8./9. April der schwerste Sündenfall in der Geschichte der DT und des Sports in Deutschland begangen wurde. Er bedeutete eine radikale Abkehr von der Tradition der Turnerschaft selbst, die bis dahin den Paragraphen 2 ihrer Satzung verteidigt hatte, nach dem politische Bestrebungen in der Turnerschaft ausgeschlossen waren. Die Turner hatten im 19. Jahrhundert durchaus einen wichtigen Beitrag zur Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen geleistet, auch und vor allem der Juden. Diskriminierungen aus rassischen und religiösen Gründen widersprachen im Prinzip der Idee des national-liberalen deutschen Turnens; und trotzdem machte die große Mehrheit der Turnerinnen und Turner diesen Traditionsbruch mit. Der Ausschluss der Juden aus den Turn- und Sportvereinen war ein erster Schritt auf dem Weg zum Holocaust; den meisten wird dies im Jahr 1933 nicht bewusst gewesen sein.

Und trotzdem gab es einige Turner und Turnvereine, ebenso Sportler und Sportvereine, die sich dem Diktat Neuendorffs und Tschammers entgegenstellten und sich sträubten, jüdische Turnerinnen und Turner aus dem Verein auszuschließen, insbesondere dann, wenn es sich um verdiente und engagierte Mitglieder handelte. Am besten erforscht ist die Geschichte der Berliner Turnerschaft, der die Olympiasieger von Athen 1896, Alfred und Gustav Felix Flatow, angehörten. Rund 60 jüdische Mitglieder der Berliner Turnerschaft, zum Teil hoch angesehene Berliner Bürger, wurden 1933 zum Austritt aus dem Verein gezwungen. Für sie begannen nun fürchterliche Leidensgeschichten, die nur zum Teil rekonstruiert werden konnten. Dazu zählen auch die von Alfred und Gustav Felix Flatow, die beide im Konzentrationslager zu Tode kamen.5

Der Deutsche Turner-Bund stiftete ihnen zu Ehren und zum Gedenken an die unverzeihliche Schuld, die auch die deutschen Turner und Sportler in der Nazizeit auf sich geladen hatten, 1987 die Flatow-Medaille. Der DTB stellte sich damit spät, aber früher als alle anderen Sportverbände in Deutschland, diesem traurigsten Kapitel seiner Geschichte.

5 Vgl. die Beiträge über die Cousins Flatow von Bernett und Steins, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 1(1987), 94-111.

 

Nach der Auflösung bzw. Selbstauflösung der Deutschen Turnerschaft wurden die bis dahin von der DT betreuten Fachgebiete in den nun zuständigen Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL) eingegliedert. Die wichtigsten turnerischen Fachgebiete wurden im Fachamt 1 für Gerätturnen, Sommerspiele und Fechten zusammengefasst. Fachlich zuständig waren im Prinzip dieselben Fachleute, die auch schon in den Turn- und Sportverbänden die einzelnen Fachgebiete betreut hatten. Deshalb nahmen auch viele Turnerinnen und Turner in den Vereinen den radikalen strukturellen Wandel zunächst kaum war. Als dann der DRL 1938 in NSRL umbenannt und zu einer von der Partei „betreuten“ Organisation erklärt wurde, war die Veränderung zumindest in der Namensgebung nach außen hin deutlich. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings schon viele Turn- und Sportvereine zu spüren bekommen, dass und wie stark die Nazi-Partei und ihre Untergliederungen auf das Vereinsleben an Einfluss zunahmen. Einen großen Einschnitt bedeutete das im Dezember 1936 erlassene Gesetz zur Hitlerjugend, in dem die HJ zur „Staatjugend“ erklärt wurde. Dies bedeutete formell das Ende der freien Jugendarbeit in den Turn- und Sportvereinen. Außerdem griff die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) immer stärker in die freizeit-, breiten- und gesundheitssportlichen Aktivitäten der Turnvereine ein, die sich im Grunde schon seit den 1920er Jahren zu einem Schwerpunkt des volkstümlichen Turnens entwickelt hatten. Gegen die massive Unterstützung der KdF durch Staat und Partei konnten sich die Turnvereine nur schwer behaupten. Spätestens seit dem Beginn des Krieges ging deshalb die Mitgliedschaft in den Vereinen deutlich zurück.

Was geschah mit Edmund Neuendorff selbst, dem Totengräber der Deutschen Turnerschaft, wie man ihn mit gutem Grund nennen kann? Seine Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Als er der Auflösung der Deutschen Turnerschaft widersprach, fiel er beim Reichssportführer und zugleich dem neuen Führer der Deutschen Turnerschaft, von Tschammer und Osten, dem Neuendorff selbst die Führung der DT angeboten hatte, in Ungnade. Er wurde seiner Ämter enthoben und im Alter von 59 Jahren in den Ruhestand versetzt. Sein Amt als Direktor der Preußischen Hochschule für Leibesübungen in Spandau, das er seit 1925 innehatte, ruhte, nachdem die Hochschule 1932 aufgelöst worden war. Ob Neuendorff sein Verhalten wirklich bereut hat, lässt sich nicht sagen. In Bonn hielt er an der Universität als Gastdozent Vorlesungen und schrieb Bücher und Aufsätze zur Turngeschichte und Turnpädagogik. „Die vom Minister angeregte Ernennung zum Honorarprofessor scheiterte“, schreibt Dieckert (1968, S. 18), vermutlich weil Tschammer sein Veto einlegte. Außerdem studierte er noch während der NS-Zeit in Bonn Theologie bei Otto Dibelius. Der spätere (in der Bundesrepublik) Bischof und Ratsvorsitzende der EKD nahm ihm 1945 das Examen ab. Danach betreute Neuendorff bis zu seinem Tod 1961 eine Flüchtlingsgemeinde in Osnabrück. Es gibt allerdings Gründe, an Neuendorffs Einsicht (von Selbstkritik kann wohl nicht die Rede sein) zu zweifeln. Ab 1938 war er wieder in zahlreichen NS-Verbänden tätig, u. a. im NS-Lehrerbund, und betätigte sich schließlich in der „NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude“.

Die Gründung des DRL mit seiner Gliederung in „Fachämter“ stand auch in Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Berlin; denn mit diesem Organisationsmodell war es leichter möglich, gezielt die olympischen Sportarten zu unterstützen, um ein erfolgreiches Abschneiden deutscher Athleten zu sichern. Dies geschah auch mit den deutschen Turnern bzw. Kunstturnern. Die Deutsche Turnerschaft hatte zwar schon seit den 1920er Jahren unter ihren Oberturnwarten und Männerturnwarten – vergleichbar den heutigen Trainern und Sportwarten – eine kunstturnerische Ausbildung und konsequentere Leistungsorientierung im Gerätturnen betrieben, aber nun war es möglich, mit Hilfe von Staat und Partei die besten Gerätturner in gesonderten Vorbereitungslehrgängen auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Dies geschah auch unter der bewährten Leitung des bereits in der DT verantwortlichen Männerturnwarts und nun auch für die Olympiavorbereitung der Kunstturner zuständigen Trainers Martin Schneider. Die „Deutschlandriege“, wie sie damals genannt wurde, war sehr populär und bei den Spielen in Berlin äußerst erfolgreich. Sie wurde Olympiasieger in der Mannschaftswertung. Erfolgreichster Teilnehmer war der Wehrmachtssoldat Alfred Schwarzmann, der zusätzlich Goldmedaillen im olympischen Zwölfkampf und Pferdsprung sowie Bronzemedaillen am Barren und Reck holte.

Die erfolgreichen Kunstturner von Berlin 1936 und ihr Sprecher Joseph Göhler blieben während und nach dem Krieg in engem Kontakt. Göhler, Griechisch-, Latein- und Turnlehrer aus Würzburg und in den 1920er und 1930er Jahren Mitarbeiter und Freund Carl Diems, war besonders an der Förderung des sportlichen, olympischen Kunstturnens interessiert. Er schrieb regelmäßig „Kunstturnerbriefe“ an alle Freunde und Förderer des Turnens und Kunstturnens. Sie bildeten eine der Grundlagen für die Neugründung des Deutschen Turner-Bundes im Jahr 1950.

 

Deutsche Turn-Zeitung, Jahrgang 1933.

Becker, H. (1980). Antisemitismus in der Deutschen Turnerschaft. St. Augustin: Richartz.

Becker, H. (1995). Für einen humanen Sport: Gesammelte Beiträge zum Sportethos und zur Geschichte des Sports. Schorndorf: Hofmann.

Bernett, H. (1966, 2. neu bearb. Aufl. 2008). Nationalsozialistische Leibeserziehung. Eine Dokumentation ihrer Theorie und Organisation. Schorndorf: Hofmann.

Bernett, H. (1981). Der deutsche Sport im Jahre 1933. Stadion VII (2), 225-283.

Bernett, H. (1983). Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur. Schorndorf: Hofmann.

Bernett, H. (1987). Alfred Flatow. Vom Olympiasieger zum Reichsfeind. Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 1 (2), 94-102.

Bernett, H. (1990) „Schulter an Schulter mit SA und Stahlhelm“. Das politische Bündnis der Turn- und Sportbewegung mit den nationalsozialistischen Machthabern (S. 62-84). In O. Grupe (Hrsg.), Kulturgut oder Körperkult? Sport und Sportwissenschaft im Wandel. Tübingen: Attempto.

Dieckert, J. (1968). Die Turnerjugendbewegung. Schorndorf: Hofmann.

Friedler, E. (1998). Makkabi chai – Makkabi lebt. Die jüdische Sportbewegung in Deutschland 1898-1998. Wien, München: Brandstätter.

Göhler, J. (1973). Wie war das mit den Turnern 1933? Deutsches Turnen 16, S. 335.

Havemann, N. (2005). Fußball unterm Hakenkreuz – Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz. Frankfurt/am Main-New York: Campus.

Krockow, Chr. Graf von (1990). Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990. Reinbek: Rowohlt.

Krockow, Chr. Graf von (2001). Hitler und seine Deutschen. München: dtv.

Neuendorff, E. (1936). Die Deutsche Turnerschaft 1860-1936. Berlin: Wilhelm Limpert-Verlag.

Wedemeyer, B. (2000). Bürgerliche Turnvereine im Dritten Reich. Ein Blick von „unten“ anhand ausgewählter regionaler und lokaler Beispiele. Sportwissenschaft 30 (2), 180-196.